Von Walter Jens

Ich stelle mir vor, Philipp Jenninger hätte einen verläßlichen, klugen, moralisch integren und geschichtskundigen Freund – einen Mann, der am Morgen des 10. November ins Büro des Bundestagspräsidenten gekommen wäre: "Ich habe die Rede gelesen. Zwei Drittel können bleiben, ein Drittel ist radikal zu verändern." Ich stelle mir weiterhin vor, Jenninger, ein ehrenwerter, aber intellektuell nicht gerade herausragender Mann, friedlich, ehrgeizig und etwas unbedarft (schwammige Begriffe schätzend), hätte dem Vorschlag seines Freundes zugestimmt: Für die verlangte Redaktion reiche die Zeit nicht, aber gestrichen werden könne noch – also weg mit Hitlers Triumphen, weg mit der angemaßten Rolle der Juden, weg mit dem größten Staatsmann unserer Geschichte, weg mit jenen Obsessionen des sexuell gestörten Führers, die, kurios, kurios, im Antisemitismus ein Ventil gefunden hätten.

Zwanzig Absätze gestrichen, auch ein paar Floskeln im Rest-Text: Das Ergebnis wäre eine dem Naturell des Redners angemessene, etwas verworrene und wenig originelle Rede gewesen – und hätte unanstößig ein Pflichtsoll erfüllt.

Doch statt dessen nun dies! Statt dessen, da nicht gestrichen wurde, das Hervortreten etlicher Passagen, die derart befremdlich sind, daß mit ihnen die gesamte Ansprache ins Zwielicht gerät.

Wer hat Philipp Jenninger einen Text sprechen lassen, der ihn schnurstracks in die Messer laufen ließ? Welcher Ghostwriter ist dafür verantwortlich, daß der Präsident nicht über die Notwendigkeit aufgeklärt wurde, die Schlupfwespen-Perspektive durch die distanzierende Sicht des redenden Subjekts zu konterkarieren? Wer in seinem Stab hat es versäumt, ihm ein Privatissimum über die Grundregeln des Zitierens zu halten?

"...was die Juden anging: Hatten sie sich nicht doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?"

"Pardon, Herr Präsident", hätte sich da der verantwortliche Referent einschalten müssen, "ist das, was Sie hier vortragen, Ihre eigene Ansicht oder die Meinung des Volkes nach 1933?"