Von Ulrich Enzensberger

Der Roman „Der große Winter“, mit dem sich der albanische Romancier Ismail Kadare im vergangenen Jahr zum erstenmal einem breiteren deutschen Publikum vorstellte, erschien unter günstigen politischen Umständen. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Tirana korrespondierte auf so glückliche Weise mit der antirussischen Tendenz des Werkes, das den Bruch zwischen Albanien und der Sowjetunion (1961) beschreibt, daß man über das plötzliche Wohlwollen, das nun auch hierzulande dem zum Beispiel in Frankreich schon lange hochgeschätzten Autor entgegenwallte, ins Grübeln geraten konnte.

Die poetischen Qualitäten des Buches springen ins Auge. Um so krasser sticht darin Kadares altertümelndes und zugleich gespenstisch zeitgemäßes, glühendes Bekenntnis zu Europa hervor. Für den unbefangenen Leser waren sie fast ein wenig zum Lachen: Kadares wolkige, in historischen Pulverdampf gehüllte Beschwörungen sengender, brennender, tatarischer Horden, denen das todesmutige Albanien sich immer als treuester Vorposten des Abendlandes entgegengeworfen habe. Albanien, letztes Bollwerk des Stalinismus, Europas verlorener, endlich heimgekehrter Sohn?

Inzwischen sind zwei weitere Romane Kadares auf deutsch erschienen: „Chronik in Stein“ und „Der General der toten Armee“, Kadares erster Roman (1964), der, aus dem Französischen übersetzt, bereits Anfang der siebziger Jahre auf den Büchertischen deutscher marxistisch-leninistischer Vorhutorganisationen auslag, vor einigen Jahren mit Marcello Mastroiani und Michel Piccoli verfilmt und jetzt aus dem Albanischen übersetzt wurde.

Ein italienischer General erhält die traurig-groteske Mission, die Exhumierung aller im Zweiten Weltkrieg in Albanien gefallenen italienischen Soldaten zu überwachen. Die Gebeine sollen in die Heimat überführt werden. Rüstig macht er sich ans Werk, doch nur schleppend folgen die vernichteten Bataillone seinem Befehl, nur zögernd erheben sie sich unter eiskalten, scheinbar endlosen Regenfluten aus abgründigem Schlamm. „Nach dem Essen nahm sich der General die Listen vor. Sie waren jetzt an den Rändern überall mit kleinen Anmerkungen versehen: Nicht identifiziert. Quote 1184. Vergleiche Exhumierungsprotokoll. Nicht identifiziert. Kopf fehlt. Vgl. Exhumierungsprotokoll. Nicht identifiziert. Rechter Arm kürzer. Quote 1099. Nummer 19301. Zweimal als gefallen gemeldet. Zähne stimmen nicht mit Angaben überein. Nicht identifiziert...“

Insbesondere die Auferstehung des berüchtigten Oberst Z. läßt auf sich warten, bis schließlich ausdem großartig komponierten Mischmasch aufblitzender, leuchtender und wieder in eine graue Masse zurücksinkender Schicksale eine alte, etwas verrückt wirkende Albanerin hervortritt und die Knochen des von ihr beseitigten Kriegsverbrechers in einem nassen, mit großen schwarzen Erdklumpen bedeckten Sack dem General vor die Füße poltern läßt. Gekonnt entwickelt Kadare aus grausiger Routine, aus dem öden Kontinuum eines zwischenstaatlichen Vorgangs ein gruseliges Spukmärchen, lullt, wiegt uns ein, als säßen wir wohlig am knisternden, heimatlichen Herde. Während draußen der eisige Sturm vergangener Völkerfeindschaft braust, jagt er uns die Gänsehaut über den Rücken, läßt uns die Haare zu Berge stehen, bis wir schließlich in uns den brennenden Wunsch verspüren, im Land der Skipetaren geboren zu sein.