Bedenken und Bauchgrimmen wurden erst laut, als alles schon gelaufen war. Doch die jetzt folgende kritische Auseinandersetzung wird den Gang der Dinge nicht mehr aufhalten. Die größte Fusion im Lande nimmt ihren Lauf, zugleich vollzieht sich in der Wirtschaftspolitik eine entscheidende Wende. Beides könnte für Staat und Gesellschaft verhängnisvoll werden.

In der vergangenen Woche sanktionierte das Bundeskabinett die Übernahme des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) durch den Autogiganten Daimler-Benz. Noch vor Weihnachten will das Stuttgarter Renommierunternehmen über den Einstieg entscheiden, in der kommenden Woche sollen die Verhandlungen mit MBB aufgenommen werden.

Die Ehe Daimler-MBB wird zum bisher größten Fusionsfall in der Geschichte der Bundesrepublik und zugleich zu ihrem schwersten wirtschafts- und ordnungspolitischen Sündenfall. Denn hier entsteht nicht nur das mit Abstand größte deutsche Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als siebzig Milliarden Mark und rund 380 000 Beschäftigten. Das neue Mammutunternehmen wird zugleich zum größten Rüstungskonzern Europas, der mehr als ein Drittel der militärischen Beschaffung in der Bundesrepublik bedient. Da wird schiere Größe zum Wert an sich. Welcher Politiker wird sich überhaupt noch widersetzen können, wenn „die neue ökonomische Großmacht“ (so der SPD-Politiker Wolfgang Roth) Wünsche an den Gesetzgeber hat und – womöglich noch schlimmer – wenn sie in Not geriete und dann gleich Hunderttausende von Arbeitsplätzen gefährdet wären.

Die Bedenken sind in der vergangenen Woche auch im Aufsichtsrat von Daimler-Benz erörtert und doch verworfen worden. Das Argument von Daimler-Chef Edzard Reuter, eine Europäisierung der Märkte könnte das ungelöste Problem von Größe und Einflußmacht des Konzerns heilen, trifft den Fall denn auch nur am Rande. Denn auf absehbare Zeit wird sich die Konfrontation zwischen Staatsmacht und, Unternehmensmacht auf nationaler Ebene abspielen. Die Befürchtung von Franz Steinkühler, dem Chef der Industriegewerkschaft Metall, „ein Umschlagen von zusätzlicher wirtschaftlichen Macht in unkontrollierte politische Macht“ sei programmiert, kann so nicht ausgeräumt werden.

Ordnungspolitisch freilich wiegen die Bedenken im Fall Daimler-MBB noch schwerer. Denn geschmiedet wurde dieser militärisch-industrielle Komplex nicht etwa von expansionswütigen Daimler-Managern oder einer machthungrigen Deutschen Bank, der größten Einzelaktionärin in Stuttgart. Die unheilige Allianz von Autobauern, Flugzeugkonstrukteuren und Waffenschmieden wurde im Bonner Wirtschaftsministerium erdacht. Die handelnden Personen waren und sind Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann (FDP) und sein parlamentarischer Staatssekretär Erich Riedl (CSU). Um die heimische Luft- und Raumfahrt für den internationalen Wettbewerb hochzutrimmen und zugleich in einer fernen Zukunft von der Subventionierung des europäischen Verkehrsflugzeugs Airbus, der bei MBB gebaut wird, herunterzukommen, hatten die beiden Politiker den potenten Daimler-Konzern ausersehen. Alternative Überlegungen wurden zumindest nicht publik.

Das Wirtschaftsministerium, gerade damit befaßt, das Kartellgesetz zu novellieren, um den Wettbewerb im Lande zu verstärken, wurde so in aller Stille zum Industrieministerium umfunktioniert. Ein Weg, den wohl die Väter der sozialverpflichteten bundesdeutschen Wirtschaftsordnung mit großer Sorge betrachtet hätten. Walter Eucken, Begründer der Freiburger Schule, der das theoretische Rüstzeug für die soziale Marktwirtschaft lieferte, hatte deutlich vor einer Monopolbildung in der Volkswirtschaft gewarnt. Er fürchtete Verschiebungen in Staats- und Rechtsordnung. Und Ludwig Erhard, der der Bundesrepublik als Wirtschaftsminister seinen Stempel aufdrückte und zu dessen Erben sich Politiker von CDU und FDP in Sonntagsreden gern selbst ernennen, hatte nie ein Hehl aus seiner Abneigung gegen Monopole und Kartelle gemacht.

Sein Leitbild war der Leistungswettbewerb in der Marktwirtschaft. Der Staat hatte die Grundsätze einer freien, demokratischen Gesellschaftsordnung zu gewährleisten. Gegen den Widerstand der deutschen Industrie und deren Lobby in der eigenen Partei setzte er 1953 das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, das Kartellgesetz, in Kraft. Daß sich heute Sozialdemokraten auf Ludwig Erhard berufen, hätte sich dieser gewiß nicht träumen lassen.