Von Theo Sommer

Einen Mann drängt es, eine Rede zu halten. Da er der Bundestagspräsident ist, schlägt er alle aus dem Feld, die berufener wären, das Wort zu ergreifen, läßt sich von einem Referenten, dessen Feingefühl ihn für den Dienst bei einem entlegenen Katasteramt bestens empfiehlt, einen Text aufsetzen, halb Stammtisch und halb Zettelkasten, schmuggelt diesen Text am offenbar wenig wachsamen Präsidium und am Ältestenrat des Parlaments vorbei und tut ihn dann einer erlauchten, aber wehrlosen Versammlung an. Erst als es Unruhe gibt, dämmert es dem Mann, daß er einen Fehler gemacht hat. Er stutzt, trotzt, schwankt ein Weilchen, doch sagt er schließlich, daß ihm der Eklat leid tut, und legt sein Amt nieder.

Damit könnte die Öffentlichkeit die Sache auf sich beruhen lassen: ein bedauerlicher Betriebsunfall, honorig bereinigt.

Wenn nicht die Mutmaßung sich aufdrängte, daß letztlich bloße Etikette-Erwägungen den Bundestagspräsidenten zum Rücktritt veranlaßt haben, nicht tiefere Einsicht.

Wenn nicht die bange Frage schreckte, ob nicht die Unbedarftheit des gestürzten Spitzenpolitikers hierzulande in vielen Köpfen haust, hohen und hohlen.

Und wenn nicht die Angst uns plagen müßte, daß die Lehren der Geschichte schon wieder in Vergessenheit geraten.

"Nicht alles darf man beim Namen nennen in Deutschland", klagte der Bundestagspräsident nach seinem Rücktritt. Pardon: Man darf sehr wohl. Man muß es nur am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, im richtigen Tonfall sagen. Aber was sollte schon in einer Stunde des Gedenkens an die dunkle Nacht der Deutschen das Gefasel vom "Faszinosum" der frühen Hitler-Jahre ("selbst aus der distanzierten Rückschau und in Kenntnis des Folgenden")? Was die endlosen, unkommentierten Zitate aus dem Wörterbuch des Unmenschen? Und was die peinliche Wiedergabe von Hitlers schwülstiger Rassen-Pornographie? Sebastian Haffner, dessen "Anmerkungen zu Hitler" Jenninger ungeschlacht verwertete, hat ganz recht: "Er hatte kein Gespür für den Anlaß. Wenn ein Mensch ermordet worden ist, spricht man an seinem Grabe auch nicht von der interessanten Persönlichkeit des Mörders."