Gorleben

Was tun, wenn „Castor“ kommt? Die Atomkraftgegner im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben lange gewußt, daß sich ihnen diese Frage eines Tages stellen würde. Sie haben immer wieder darüber gesprochen, seit das Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente in Gorleben fertiggestellt wurde, seit „Transnuklear“ die ersten Fässer mit radioaktiven Abfällen geliefert hatte, seit der Rechtsstreit um die Baugenehmigung für das Zwischenlager nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wieder von vorn beginnen mußte.

Am Nachthimmel ist Castor, neben Pollux, der hellste Stern im Sternbild der Zwillinge. Für die Gegner der Atomanlagen ist er das vorläufig düsterste Kapitel in der Geschichte der deutschen Atomkraftwerke. „Castor“ steht für die erste Einlagerung hoch radioaktiver abgebrannter Kernbrennstoffe in einem „Trockenlager“. „Castor“ heißen die Stahlbehälter, bis zu 80 Tonnen schwer, in denen Brennelemente über einen bisher noch unbekannten Zeitraum oberirdisch gelagert werden sollen. 420 dieser Behälter soll das Zwischenlager Gorleben aufnehmen, mit einer Kapazität von 1500 Tonnen Schwermetallgehalt.

Die Abfälle entwickeln im Innern der Behälter Temperaturen von mehreren Hundert Grad. Gekühlt werden sie von der durch die Lagerhalle streichenden Luft.

Seit dem 6. September steht der geplanten Einlagerung rechtlich nichts mehr im Wege. An diesem Tag erklärte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig ihre bereits 1983 erteilte Aufbewahrungsgenehmigung für „sofort vollziehbar“. Seitdem rechnen die Atomkraftgegner in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg von Woche zu Woche damit, daß „Castor“ kommt.

„Wir stellen uns quer“, fordert die Bürgerinitiative ihre wendländischen Mitstreiter auf. Mindestens 300 Leute sollten sich vorab öffentlich bereiterklären, den „Castor“-Transport zu blockieren. Jeder, der sich daran beteiligt, soll vorher wissen, worauf er sich einläßt. Wer die Unterschriftenliste der Bürgerinitiative unterzeichnet, verpflichtet sich, das gemeinsam beschlossene Aktionskonzept einzuhalten. Dabei nehmen die Blockierer in Kauf, eine Straftat zu begehen.

Wie es aussehen wird, wenn der Transport anrückt, ist in Lüchow-Dannenberg seit 1984 bekannt. Damals brachte die Hanauer Firma „Transnuklear“ Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen für das Gorlebener Lager. Die Lastwagen wurden außerhalb des Landkreises zu Konvois zusammengestellt und – von der Polizei begleitet – auf ständig wechselnden Wegen durch das Wendland zum Zwischenlager verfrachtet. Die Atomkraftgegner waren hilflos. Sitzblockaden wurden innerhalb kurzer Zeit von der Polizei aufgelöst.