Die Schraubenschlüssel an der Wand machten uns stutzig. Sie waren der Größe nach exakt auf Mitte in Halterungen gesteckt, eine makellose Pyramide. Da redeten wir gleich deutsch, und der Besitzer erwies sich als Italiener aus Darmstadt, der hier in Uggiano la Chiesa vor zwei Jahren eine Werkstatt aufgemacht hatte. Er war uns heiter zu Diensten, freute sich sichtlich, wieder einmal Hessisch sprechen zu können, und wir waren uns einig, es wäre doch traurig, daß Darmstadt 98 zwar immer an der Spitze der zweiten Liga mitmischte, aber nie den Sprung ins Oberhaus geschafft hatte. Zeitungen und Radio hier unten in Apulien hielten das Neueste über den Verein seiner Kindheit nicht für berichtenswert. Er sorgte sich derweil um unseren Motor und empfahl uns die Pizzeria von Luigi gleich um die Ecke.

Luigi war aus Köln zugewandert und hatte, eine Sensation mitgebracht, die Pizza. Denn die war bisher hier unten am Absatz des apenninischen Stiefels so unbekannt gewesen wie in Feuerland oder Tibet, und in den ersten Wochen rissen sich die Bewohner von Uggiano la Chiesa und der Nachbardörfer bei ihm um jeden freien Stuhl. Pizza! Das war eine Entdeckung. Luigi bereitete sie nach all den Arten, wie sie im Lokal seines Vaters in Köln üblich waren, und eine begeisterte Kundschaft kam aus dem Staunen und Kauen und Stöhnen nicht heraus. Pizza – was hatte man ihr da bisher vorenthalten! Dazu kredenzt Luigi eiskaltes belgisches Büchsenbier.

Wir labten uns und fühlten uns wie zu Hause. Der U-Bahnbau in Ehrenfeld ginge voran, erzählten wir, um die Venloer Straße herum würden in allen Gassen Bäumchen gepflanzt. Luigi sah uns beim Schmausen zu und konnte gar nicht genug hören. Über die Schlange, die sich inzwischen an der Theke bildete, sah er südländisch-gelassen hinweg.

Den Rhein sollten wir grüßen und den Stadtpark, bat er uns. Ehe wir ins Auto stiegen und durch Weinberge und Karsthügel an steinige und sandige Strände weiterfuhren, ehe wir zurückfanden ins Gefühl, in einem fernen, lange ersehnten Land zu sein, rief er uns nach: „Wat is dat ein lecker Wetter heute!“

Wir kamen im Laufe der nächsten Tage wieder darauf zu sprechen: Luigis Pizza war erste Klasse gewesen, besser kriegten wir die auch zu Hause nicht.

Erich Loest