Von Joachim Fritz-Vannahme

Koblenz,im November

Mit leisem, fast rührendem Dank an Freunde und Anhänger beginnt der Herausforderer seine Rede. Die Arme öffnen sich weit, als wolle Hans-Otto Wilhelm alle, selbst Zweifler und Gegner, unter seine Fittiche nehmen. Doch dann endet die Sanftmut, beginnt der Kampf: „Dies ist nicht Weimar, dies ist kein Staatsstreich.“ Am Ende besiegt ein schweißnasser Wilhelm den bisherigen CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, schlägt der 48jährige Umweltminister von Rheinland-Pfalz seinen Regierungschef mit 258 gegen 189 Stimmen in die Flucht: Ein aufgelöster Vogel flieht den Sieger, dem er nicht einmal die Hand zur Gratulation reicht; flieht die 450 Delegierten in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle; flieht die Macht in Mainz, von der er sich nach dieser Niederlage wie angekündigt trennt. Am 2. Dezember wird Vogel nach zwölf Amtsjahren zurücktreten.

„Ein Lehrstück in Sachen Demokratie“, jubelte Heinz Schwarz, der ehemalige Innenminister des Landes, 1966 schon einmal in einer innerparteilichen Fronde engagiert: Damals griff Helmut Kohl mit seinen Getreuen Heiner Geißler und Bernhard Vogel nach der Macht in der Partei und verdrängte den populären Peter Altmeier erst als Vorsitzenden, später auch als Regierungschef. Damals hatte die sorgfältig geplante Attacke den Segen der Bundespartei, den Kohl dem Rebellen heute verweigerte, zumindest nach außen hin. Am Vorabend des rheinland-pfälzischen Parteitages trat er statt dessen „nachdrücklich für die Wiederwahl Vogels“ ein.

„Demokratie ist kein Gesangverein Harmonie“, sagte CDU-Generalsekretär Heiner Geißler unlängst in einem ZEIT-Interview. In Koblenz mußte er als Bonner Bote und Mitglied des Landesvorstands erleben, daß all seine Warnungen – „der Sturz Erhards als Parteivorsitzender hing der CDU lange in den Kleidern, drei Jahre später waren wir die Regierungsverantwortung los“ – und seine Kritik – „das geht doch nicht, daß der Mann, der von Rheinland-Pfalz das Vertrauen bekommen hat, es von seiner Partei nicht bekommt“ – bei den meisten Delegierten auf taube Ohren stießen. Wilhelm verstand seine Gegenkandidatur lediglich als Konkurrenz zwischen Parteimitglied und Parteimitglied. Doch ohne Zwang verknüpfte Vogel Sieg oder Niederlage in Koblenz mit seinem politischen Schicksal: „Wer dem Landesvorsitzenden das Vertrauen entzieht, der will den Sturz des Ministerpräsidenten.“ Wilhelms Ehrgeiz mag zwar von Anbeginn an weiter gereicht haben als nur bis zur angestrebten Ämtertrennung zwischen Partei- und Regierungschef, aber zum Königsmord drückte ihm erst Vogel den Dolch in die Hand.

Hans-Otto Wilhelm hat wohl seine letzte Chance genutzt: Hätte sich Vogel durchgesetzt, dann wäre heute Kultusminister Georg Gölter der erste Generalsekretär der rheinland-pfälzischen CDU und allen Konkurrenten um eine spätere Vogel-Nachfolge einen Schritt voraus. Im ungeliebten Umweltministerium wäre Wilhelm dann ins Abseits geraten, ein unterlegener Außenseiter ohne Gönner und Protektor und mit geschrumpfter Hausmacht.

Es kam ganz anders. Wilhelm erwies sich als der wirkungsvollere Parteipolitiker, der farbigere Parteitagsredner, vor allen Dingen aber – wie seine Witterung für den Sieg gerade in diesem Moment beweist – als der bessere Kenner der Partei. Die Chancen zugunsten Vogels stünden 60 zu 40, glaubten viele seiner Anhänger noch wenige Stunden vor der Abstimmung. Sein Triumph gibt Wilhelm zumindest darin recht, daß die Mainzer Staatskanzlei als Ausguck für Stimmungen und Bewegungen in der CDU nicht taugt. Die Abstimmung zeigte, daß Vogel selbst in seiner Hochburg, dem südlichsten Bezirksverband von Rheinhessen-Pfalz, Anhänger verloren hat.