In ökonomisch-politischer Sicht ist das amerikanische Wahlergebnis schwer zu deuten. Offenbar war eine Mehrheit mit der wirtschaftlichen Lage zufrieden genug, um das Risiko einer wesentlichen Veränderung der Wirtschaftspolitik abzulehnen. Bush hatte Steuererhöhungen kategorisch abgelehnt („read my lips!“), Dukakis dagegen dafür ein Schlupfloch gelassen – Grund genug, Dukakis abzulehnen. Denn Steuererhöhungen wollte man nicht – wozu auch? Schließlich überwand man doch den Börsenzusammenbruch vom Herbst 1987 scheinbar mühelos, das wirtschaftliche Wachstum schien ausreichend und sorgte nahezu für Vollbeschäftigung.

Beide Kandidaten mogelten sich um jedwede ökonomische Analyse herum, keiner stellte ein ökonomisches Programm vor. Folglich war man geneigt, bei dem Gewohnten zu bleiben; dieses aber schien der republikanische Opportunist eher zu gewährleisten als der demokratische Opportunist.

Bei den gleichzeitig stattfindenden Wahlen zum Senat und zum Abgeordnetenhaus gaben die Wähler jedoch den Demokraten in beiden Häusern abermals eine absolute (und noch gestiegene) Mehrheit. Von einem klaren ökonomischen Mandat der Wähler kann also keine Rede sein. Weil jede Gesetzgebung Einverständnis zwischen dem Weißen Haus und dem Kongreß voraussetzt, kann der vorhersehbare haushalts- und steuerpolitische Konflikt zu schwerer Beeinträchtigung der ökonomischen Handlungsfähigkeit der Vereinigten Staaten führen. Tatsächlich aber ist ökonomisches Handeln dringend nötig, im Interesse des Landes wie im Interesse der Welt. Denn im Laufe der vergangenen fünf Jahre hat die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft den größeren Rest der Weltwirtschaft in zunehmendem Maße bedroht – und die Bedrohung wächst jede Woche.

Als wir Deutschen in der Mitte der sechziger Jahre eine hausgemachte Rezession durchstehen mußten, präsentierte Karl Schiller (bis heute der fähigste Ökonom, der je einer Bundesregierung wirtschaftspolitische Führung gegeben hat) mit Hilfe der ad hoc gebildeten großen Koalition sein Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Wenn wir dessen vier maßgebende Parameter (magisches Viereck) auf die heutige Lage der amerikanischen Wirtschaft anwenden, so ist dort die Forderung nach „hohem Beschäftigungsstand“ erfüllt (allein Japan hat eine noch geringere Arbeitslosigkeit); die Forderung nach „Stabilität des Preisniveaus“ ist deutlich weniger gut erfüllt (immerhin vier Prozent Anstieg der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr); die Forderung nach „angemessenem Wirtschaftswachstum“ ist gut erfüllt. So weit, so gut. Jedoch wird die Forderung nach „außenwirtschaftlichem Gleichgewicht“ auf katastrophale Weise verfehlt und mißachtet.

Seit fünf Jahren erzeugen die Vereinigten Staaten ein Leistungsbilanzdefizit gegenüber dem Rest der Welt in Höhe von jährlich weit über hundert Milliarden Dollar; die daraus resultierende Gesamtverschuldung der amerikanischen Volkswirtschaft (einschließlich der öffentlichen Hand) gegenüber dem Ausland beträgt heute netto mehr als 500 Milliarden Dollar, sie liegt bei dem Fünffachen von Brasilien oder Mexiko. Die hohen amerikanischen Wachstums- und Beschäftigungsraten beruhen auf einer Nachfrageausweitung, die (anders als im Rezept des Keynesianismus) bisher vom Ausland finanziert worden ist. Seit 1983 hat die reichste Nation der Welt regelmäßig mehr verbraucht als produziert, ständig mehr importiert als exportiert. Japaner, Deutsche, Schweizer, die Benelux-Bürger und die Bürger in vielen Schuldnerstaaten der Dritten Welt haben diesen Unfug finanziert.

Nicht Ronald Reagans „Angebotsökonomie“, sondern vielmehr einerseits sein persönliches Ansehen und das hohe (und wohl auch zukünftig gerechtfertigte) Prestige der Vereinigten Staaten und andererseits Reagans ungewöhnlich hohe Haushaltsdefizite haben den Mechanismus ausgelöst und bis heute in Gang gehalten. Wer über Schillers „Tellerrand“ hinausdenkt, der stellt sich Fragen: Wie lange kann dies so weitergehen? Mit welchen Mitteln kann verhindert werden, daß es zum Zusammenbruch kommt? Wer muß am Ende welchen Preis für die Reagan-Jahre bezahlen?

Manche Amerikaner beruhigen sich über die Haushaltsdefizite mit dem Hinweis darauf, daß diese als Anteil am Bruttosozialprodukt auch nicht wesentlich größer seien als in Japan oder in Deutschland. In diesem Argument steckt ein Selbstbetrug. Wenn zum Beispiel in einem Staate die Bürger nicht sparen, so kann die Regierung auch keine Anleihen oder Schuldscheine zur Finanzierung ihres Haushaltsdefizits verkaufen, selbst wenn das Defizit zehnmal kleiner wäre als heute in den Vereinigten Staaten; der Ausweg läge dann entweder in inflatorischer inländischer Geldvermehrung zur Finanzierung des Defizits, oder im Import ausländischer Ersparnisse – oder in einer Kombination von beidem. Eine Sparernation wie die japanische (private Sparrate sechzehn bis siebzehn Prozent) oder die deutsche (zwölf bis dreizehn Prozent) kann sich hohe Budgetdefizite leisten; unter Umständen benötigt sie hohe Budgetdefizite geradezu, um den Abfluß von Sparkapital in das Ausland und um hohe Leistungsbilanzüberschüsse zu vermeiden oder zu verringern. Eine Kreditkartennation wie die amerikanische (private Sparrate weniger als drei Prozent!) kann sich nur geringe Budgetdefizite erlauben – wenn sie Inflation und Auslandsverschuldung vermeiden will. Gerade weil zum Beispiel Brasilien oder Mexiko dieser elementaren Einsicht nicht gefolgt sind, stecken sie heute in der größten Kalamität ihrer Wirtschaftsgeschichte der vergangenen fünf Jahrzehnte. Die Vereinigten Staaten befinden sich seit 1973 am Anfang eines ähnlichen Weges.