Nur fünf Monate war der Markt tot, dann wagte wieder ein Unternehmen den Schritt an die Börse. Anfang April offerierte die Deutsche Verkehrs-Kredit-Bank den Anlegern Aktien im Nominalwert von 18,7 Millionen Mark zum Preis von 155 Mark pro Stück. Und siehe da, nur wenige Monate nach dem Börsenkrach vom Oktober vorigen Jahres fanden sich wieder genügend Interessenten für die Papiere der Bundesbahn-Bank – die den Börsengang begleitenden Banken meldeten stolz das vorzeitige Ende der Zeichnungsfrist.

Und dann ging es beinahe wieder Schlag auf Schlag; nur in den Ferienmonaten August und September kamen bisher keine Neulinge an die Börse (siehe Tabelle: Neuemissionen 1988). Wer hätte nach dem Börsenkrach gedacht, daß auf diesem Markt in diesem Jahr überhaupt etwas liefe und auch die durch den Crash arg gebeutelten Privatanleger wieder Interesse zeigen würden? Denn das steht fest: Die auf einen schnellen Gewinn hoffenden Spekulanten sind offenbar noch immer zahlreich vorhanden.

Allein der Titel Neuemission verlockt diese Anleger beinahe zwanghaft dabeizusein. Schnäppchen-Jäger haben noch immer die goldenen Jahre von 1984 bis 1986 nicht vergessen. Damals brachten Börsenneulinge wie Zanders, Trinkaus & Burkhardt, Boss oder Puma den Erstzeichnern innerhalb von wenigen Wochen Gewinne von hundert Prozent und mehr ein.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Die diesjährigen Börsenneulinge haben den Erstzeichnern zumindest bisher nur wenig Freude bereitet – mit einer Ausnahme. Ausgerechnet eine der kleinsten Emissionen des Jahres, die Plazierung der Zahnarzt-Aktie Compudent, lohnte sich für die Anleger. Mitte Juli kamen 36 000 stimmrechtslose Vorzugsaktien zum Preis von 310 Mark pro Stück auf den Markt; Ende voriger Woche kostete das Papier stolze 535 Mark. Der auf den Emissionspreis bezogene Gewinn von gut siebzig Prozent ist unter den Börsenneulingen 1988 einsame Spitze (siehe Tabelle).

Äußerst bescheidene Kursgewinne weisen nur noch das Berliner Fernheizwerk Neukölln und die Molkerei Schwälbchen auf, alle anderen von den Banken vor der Börseneinführung stets als reizvoll, interessant und zukunftsträchtig empfohlenen Werte haben gegenüber dem Emissionspreis mehr oder weniger große Verluste erlitten. Das allein genügt schon, die Begeisterung der Anleger für die Börsenneulinge zu dämpfen. Noch ärgerlicher ist aber, daß seit Jahresmitte die Kurse am deutschen Aktienmarkt insgesamt um gut fünfzehn Prozent gestiegen sind. Eine neue Aktie zu kaufen war für die Anleger zumindest in diesem Jahr nicht das bessere Geschäft.

Das steht in einem krassen Gegensatz zu den vollmundigen Werbeaussagen der Geschäftsbanken, mit denen die Neulinge der Kundschaft schmackhaft gemacht werden sollen. Anfang Oktober war zum Beispiel die Dresdner Bank voll des Lobes über das Versandhaus Oppermann in Neumünster. Das Unternehmen glänze durch eine „bemerkenswert dynamische Umsatz- und Gewinnentwicklung“, der nur „optisch hohe Emissionspreis“ von 685 Mark für eine Aktie sei „durchaus gerechtfertigt“, meinte Dresdner-Bank-Manager Günther Radtke bei der Börseneinführung, „schließlich könnten die Anleger bis 1990 mit einer Verdoppelung des Oppermann-Umsatzes auf über 600 Millionen Mark rechnen“. An der Börse scheint man das nicht so zu sehen. Dort verlor die Versandhaus-Aktie innerhalb von nur vier Wochen fast zwölf Prozent ihres Wertes.

Was mögen die Gründe für das vergleichsweise schlechte Abschneiden der Börsenneulinge sein? Zum einen ist es sicher die Sorglosigkeit, die viele Anleger beim Umgang mit Geld an den Tag legen. Die Banken müssen nur kräftig Stimmung für ihre Ziehkinder machen, und schon werden ihnen die Papiere von der Kundschaft aus den Händen gerissen. Wer liest denn noch den Emissionsprospekt oder macht sich gar Gedanken darüber, ob ein mit dem Börsenneuling vergleichbares Unternehmen an der Börse preiswerter zu haben ist?