Provinz ist ein Begriff, der weniger eine geographische als eine geistige Situation bezeichnet. Provinz ist da, wo nichts geschieht oder wo das Geschehen um enge Interessen kreist, wo das Leben der schöpferischen Impulse ermangelt, wo die Uhr stillsteht oder gar rückwärts läuft. In der Provinz kann möglicherweise sogar ein reger Betrieb sein; aber der Betrieb reproduziert nur gängige Ware, er strahlt keine neuen Anregungskräfte aus. Daß aber alle damit zufrieden sind und keiner etwas vermißt: das macht erst die echte, ebenso unfruchtbar wie selbstsichere Provinzmentalität aus. Im Sinne dieser unbedingten Zufriedenheit mit der geistigen Stagnation ist im Laufe der letzten Jahre manche deutsche Großstadt zur Provinz geworden, die ehemals als „Musikstadt“ glänzte oder gar noch heute diesen Titel für sich in Anspruch nimmt. Zumal nach der Währungsreform hat man sich an solchen Orten der finanztechnischen Empfehlung der Tantieme-Einsparung (das heißt also der möglichst weitgehenden Ausschaltung zeitgenössischer Musik) mit schlecht verhehltem Vergnügen angepaßt. Man beschränkt sich da auf wenige Ausnahmen, vornehmlich Ausländer, weil diese – wenn sie auch obendrein Devisen kosten – den Interpreten erwünschte Auslandsgastspiele eintragen. Man ist da mit dem sterilen Zustand um so zufriedener, als, wie man sagt, das Publikum ohnehin keine „Neue Musik“ hören will.

Das Publikum ist aber doch in einem hohen Maße erziehbar. Es ist allerdings kein Wunder, daß in einer Großstadt, in der seit Generationen auf jede aktive Beeinflussung der Musikfreunde zur Gewöhnung an neue Musik gerade seitens der führenden („prominenten“) Institute verzichtet wurde, ein „Arbeitskreis für neue Musik“ im kleinsten verfügbaren Saale vor mindestens halbleeren Stuhlreihen spielt. Ein solcher „Beweis“ trifft nur die schlechte Gewohnheit, die Bequemlichkeit derer, die ihrer Beliebtheit um jeden Preis die Pflicht der Erziehung (auch gegen anfänglichen Widerstand) opferten.

Dies zu erhärten ist ein Gegenbeispiel geeignet, das in der gegenwärtigen Lage doppelten Ruhm verdient. In der „Provinz“-Stadt Bielefeld hat nur wenige Jahre der Komponist Heinrich Kaminski als Städtischer Musikdirektor gewirkt. Und zwar in solcher Weise, daß seither dort bei den unbescholtensten jungen Klavierschülern Bach der bevorzugte Komponist ist und die Neue Musik einen Boden hat wie an gewiß nicht vielen anderen Plätzen. Angesichts der „tantiemefreien“ Konzertprogramme dieses Winters in den stolzen „Metropolen“ erscheint es gerechtfertigt, den diesjährigen Plan der „Konzerte der Stadt Bielefeld“ als Musterbeispiel einer Tradition gewordenen Pflege des zeitgenössischen Schaffens hinzustellen. Verantwortlich zeichnet dafür der heutige Amtsnachfolger Kaminskis, Professor Dr. Hans Hoffmann, der den Geist seines Vorgängers wach gehalten hat und die edelste Aufgabe des Interpreten immer in der Erziehung der Hörer zum Verständnis des Neuen und Lebendigen erblickte. In diesem Konzertplan figurieren neben Klassikern und Romantikern die Zeitgenossen Hindemith (dreimal), Sutermeister (einmal), Raphael (einmal), Pfitzner (dreimal), Henze (einmal), Bartók (einmal), Drisler (einmal), Poot (einmal), Strawinskij (einmal), Bialas (einmal) und Reutter (mit einem abendfüllenden Chorwerk). Natürlich auch Strauß. Das sind in 14 Konzerten 16 zeitgenössische Werke, davon zwölf aus der Werkstatt deutscher Komponisten und keineswegs bloß bereits „arrivierter“.

Wo ist nun die Provinz? Jedenfalls nicht dort, wo solche Programme gemacht werden und wo sie – möglich sind. Ein derartiges Beispiel sollte aber auch dazu dienen, endlich einmal die Feststellung von der gegenwartsfeindlichen Einstellung des Publikums mit Hinblick auf die Ursachenfrage vorsichtiger zu handhaben. Sie ist in erster Linie ein Armutszeugnis für diejenigen, die sich so gern und eilig hinter ihr verschanzen. Walter Abendroth