Von Esther Knorr-Anders

Geras ist schuld: Nie wieder werde ich unbefangen das Gesicht eines Menschen betrachten können. Im Geiste mit Zirkel und Lineal hantierend, gliedere ich die Gesichtsfläche in Zonen auf. Genau in der Mitte, zwischen oberstem Stirnpunkt und Kinnrand, sitzen die Augen. Wer hätte das gedacht. Die Nasenwurzel liegt auf gleicher Linie wie der Gehörgang. Unglaublich. Warnen möchte ich jeden Anfänger vor den sogenannten Weichteilen des Gesichts, wozu Wangen, Mund, Kinn und die Nasenlöcher gehören. Auch die nach oben gerichteten Augen (Heiligenblick) entwickeln ihre Tücken. Geras ist schuld – doch im Augenblick kümmert mich das noch nicht.

Die Frühstücksgesellschaft findet sich im "Prälatengwölb" des "Alten Schüttkastens" ein. Morgenmuffel hocken einzeln. Grimmig mustern sie jeden Eintretenden. Der wird doch nicht etwa? Gottlob, er nimmt am Gruppentisch Platz. Der "Alte Schüttkasten", erbaut anno 1670, einst Getreidespeicher des niederösterreichischen Stiftes Geras, ist heute ein komfortables Hotel. Innerhalb seiner mächtigen Mauern, unter den klobigen Balkendecken, fühlt man sich von Minute zu Minute wohler. Man möchte nicht hinaus. Doch die Gruppe wird unruhig. Das steckt an. Schließlich sind wir alle gewillt – und dazu hergekommen –, spornstreichs die Nachfolge von Rubens und Rembrandt anzutreten. Sollte das Ziel nicht gänzlich erreicht werden, bleibt noch die Möglichkeit offen, unsere Nächsten zum Modellsitzen zu überreden und sie mit ihrem Konterfei zu erschrecken.

Von dieser Aussicht angestachelt, trotten wir zum Stift. Ein schmaler Trampelpfad führt zwischen Äckern entlang, an spiegelnden Karpfenteichen vorbei. Schwäne ziehen ihre Bahn. Während des ganzen Weges bleibt der-Turm der Wallfahrtskirche im Sichtfeld. Stift und Ortschaft Geras liegen im Thayatal, fünf Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Wälder dehnen sich; Ruhe, wohin man lauscht. Der winzige Ort Geras, unmittelbar ans Stift gedrückt, zählt 600 Einwohner. Schmucke Gasthäuser, aus denen es nach Waldviertler Knödeln duftet, bilden Fallen für den Fremden.

Wir betreten den Stiftsbereich durch den Marienhof. Im Gartengelände plätschert ein Zierbrunnen. Farbenfroh leuchten die in verschiedenen Jahrhunderten entstandenen Stiftstrakte. Mehrfach wurde das Grenzlandkloster durch Kriegshändel verwüstet, ausgeraubt, teilweise zerstört und wieder aufgebaut.

Geras ist ein Prämonstratenserkloster. Der Prämonstratenserorden wurde 1120 im französischen Premontre ins Leben gerufen. Besonderheit: Er nahm Männer und Frauen in Doppelklöstern auf. Das spricht für die unschuldige Gesinnung des Gründers, die mutmaßlich nicht allen Chorherren und -damen eigen war. Nach seinem Tod wurde beschlossen, die Geschlechter in räumlich getrennten Klöstern unterzubringen. Damit schien jedwede Knüpfung zarter Bande ausgeschaltet. Niemand würde kilometerlange Fußmärsche in Kauf nehmen, um ein bestimmtes weißes Ordensgewand flattern zu sehen. So dachten die Tugendwächter – und unterschätzten möglicherweise die Konstitution und den Ideenreichtum der Chorherren.

Dozentin Diana Cioppi erwartet uns in einem Unterrichtszimmer im Künstlertrakt. Prompt fühlen wir uns als Künstler. Wir nehmen an Einzeltischen Platz. Zeichenblöcke und Stifte werden ausgepackt. Erwartungsvoll schauen wir die Meisterin an. Nur noch Sekunden trennen uns vom ersten Geniestreich. Wo aber bleibt das angekündigte Modell? Gut sichtbar postiert Diana zwei Totenschädel. Ratlos sehen wir die Knöchernen an. Diana erklärt, daß die Schädel Emilia und Emil heißen und als Lernmodelle dienen. Tröstend fügt sie hinzu, daß selbst ein Genie die Anatomie eines Kopfes kennen muß, um die Nase korrekt an ortsüblicher Stelle einzeichnen zu können. Wir Künstler senken die Lider. Seufzer sind hörbar.