Man könne bei uns nicht alles beim Namen nennen, erwiderte Jenninger auf die Kritik an seiner Rede – und entwertete sogleich seinen Rücktritt. Als Avantgardist will er sich präsentieren, der den Bürgern so weit voraus sei, daß er mehr von der Mitschuld der Deutschen an Hitlers Herrschaft zugeben kann, als andere es vertragen.

Welch grandioses Mißverständnis! Jenninger sagte nicht zuviel, er sagte zuwenig. Er durchbrach keine Tabus, sondern ließ die Bewältigung vermissen. Bestürzend, wie er dem "Faszinosum" Hitler gleichsam selbst erliegt: Die damalige Stimmung ausmalend, bringt er Meinungen neuerlich zum Mitschwingen, die er desavouieren will. Seine anschließende Kritik muß aufgesetzt wirken, solange sie nicht das Faszinosum aus dem Detail heraus demontiert. Jenninger konfrontiert nicht das Verlockende des Machtrausches mit der Erniedrigung im blinden Gehorsam, nicht die Bereitschaft zum Geführtwerden mit dem Wunsch nach individueller Entfaltung, die Ansichten des Sieges nicht mit denen des Grauens.

Was mußten die Bürger verdrängen, vor wieviel Tatsachen die Augen verschließen, wie oft die Stimme des Gewissens unterdrücken, um das Faszinosum wirken zu lassen? Besteht eine wesentliche Lehre aus dem Nationalsozialismus nicht darin: Wir müssen das Böse schon im Banalen erkennen und uns selbst gegenüber besonders kritisch dann sein, wenn ein griffiges Weltbild unliebsame Wirklichkeiten ausgliedert und innere Ambivalenzen unterdrückt?

Wer das angebliche Faszinosum nicht aus diesem existentiellen Konflikt erklärt und aufhebt, kann selbst mit aufklärerisch gemeinten Fakten die Vergangenheit nur bagatellisieren – und entläßt seine Zuhörer wehrlos in die Zukunft. Helga Hirsch