Washington, im November

Finanzminister Nicholas Brady, den sein zukünftiger Chef soeben für die neue Administration nominiert hat, bedankt sich mit einer Eloge: "Es ist mir eine Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er wird ein großer Präsident sein." George Bush lauscht dem Lob mit unbewegtem Gesicht. Aber als das Zauberwort fällt, dem er sich seit Jahrzehnten verschrieben hat, in dessen Bann er Millionen Meilen reiste und Zehntausende von Händen schüttelte, geht ein Ruck durch die hochgewachsene schlanke Gestalt. Beim Nennen seines künftigen Titels streckt sich Bush, atmet er tief ein wie jemand, der gerade eine schwere Prüfung abgelegt hat und sich erstmals seines Erfolges bewußt wird.

Die Erkenntnis, bald der erste Mann seines Landes zu sein, scheint den Vizepräsidenten immer noch zu überwältigen und in stolzes Staunen zu versetzen. Die Aussicht auf das Weiße Haus wird den Wahlsieger jedoch nicht mehr lange nur freudig bewegen.

Schon jetzt drückt den designierten Präsidenten die Bürde des hohen Amtes mehr und mehr. Nicht nur überfällt ihn die Börse mit dem Befehl, das Haushaltsdefizit (das in den Reagan-Jahren kaum einen Amerikaner um den Schlaf brachte) schnell und rabiat zu kürzen. George Bush muß auch seine Regierungsmannschaft rekrutieren: Das heißt, bei jeder Personalentscheidung einen Anwärter zu beglücken und viele andere bitter zu enttäuschen, wenn nicht zu Feinden zu machen.

Im Gegensatz zum Hauptakteur genießt Washington das Ämterroulett. Wer wird was oder könnte etwas werden? Das sind Fragen, die am Potomac stets das Adrenalin fließen lassen. Prestige und Einfluß sind aber nicht die einzigen Preise, um die gerungen wird. Offenbar geht es trotz der vergleichsweise geringen Regierungsgehälter auch ums Geld. Nicht ohne Grund umrahmen die Hauptstadt vier der fünf Regierungsbezirke Amerikas mit den höchsten Durchschnittseinkommen.

Wo Ämter vergeben werden, waltet Washingtons Lebenselixier, die Macht. In dieser Zeit des Übergangs läßt sie sich nicht leicht lokalisieren. Im Weißen Haus Reagans beginnt sie von Tag zu Tag mehr zu schwinden. Auf dem Kapitolhügel verharrt sie noch in Lauerstellung, eine Drohung für den kommenden Präsidenten. Vermutet wird das beeindruckende Phänomen im fünften Stock des Universal Buildings an der Connecticut Avenue, wo die Mitglieder des Übergangsteams an Personalfragen bosseln; wie wichtig sie genommen werden, erfahren die Bush-Leute beispielsweise, wenn ihnen selbst Taxifahrer Bewerbungsschreiben in die Hand drücken.

Macht pur ist im Alten Exekutivgebäude neben dem Weißen Haus und im ehemaligen Observatorium der US-Marine angesiedelt, wo George Bush arbeitet beziehungsweise residiert. Dort wird über die 20 bis 30 wichtigsten Posten im Kabinett oder an anderen Schaltstellen der nächsten Regierung entschieden.