Hamburg

Leider können wir Ihren Rückstellungsantrag nicht bearbeiten, da sich Ihre Akte unter Verschluß befindet. Bitte stellen Sie einen neuen Antrag." Mit solchem Bescheid müssen gegenwärtig 63 000 Hamburger Männer rechnen, vorzugsweise, wenn sie zwischen 21 und 25 Jahre alt sind. Unter Verschluß: Fast die Hälfte aller im Kreiswehrersatzamt bearbeiteten Personalakten ist mit Formaldehyd verseucht und seit einem Jahr aus dem Verkehr gezogen.

Kurz vor Weihnachten 1987 klagten die Mitarbeiter der Behörde zum ersten Mal über Schwindelgefühl und Kratzen im Hals. Überlastung sei schuld, hieß es zunächst, oder Erkältung. Über die Feiertage ging es allen gut. Doch kaum klappten die Amtsangestellten im Januar die ersten Aktendeckel hoch, ging es wieder los: Atemnot, Hautausschlag, Pickel. Der Verdacht fiel auf die neuen Karteischränke.

"17 Jahre lang habe ich um neue Schränke gekämpft, weil man sich bei den alten ständig bücken mußte", sagt Amtsleiter Werner Schwiederski. Am 9. Dezember 1987 bekam er sie. Nur – mit den zartgrauen "Lektrivern", wie die Paternosterschränke heißen, stimmte etwas nicht: alle Akten in ihnen schienen Unverträgliches auszudünsten.

Als sich im Februar schon ein Drittel der 184 Mitarbeiter kratzte, rückte der TÜV zum Messen an. Er wurde fündig: Formaldehyd verdarb die Luft. 161 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft wurden vor einem Schrank gemessen, die höchstzulässige Konzentration liegt aber bei 125 Mikrogramm. Außerdem wurden Spuren sieben weiterer Substanzen ausgemacht, unter anderem Xylol, Butanal und Hexanal.

Die Schränke, so stellte sich heraus, waren nur mittelbar schuld. Ausgedünstet wurde das Formaldehyd von den Akten. Ob der Einband aus Recyclingpapier, die Leimbindung oder die Klarsichthüllen den Stoff abgeben, wurde nicht ermittelt. In ihren alten Behältnissen waren die Papiere gut genug gelüftet. In den neuen Schränken jedoch, luftdicht und mit dem 30fachen Fassungsvermögen, sammelte sich das Gas über Nacht und am Wochenende und schlug den Mitarbeitern anderntags förmlich ins Gesicht.

22 von ihnen ging es so schlecht, daß sie Anzeige wegen Berufskrankheit erstatteten, 34 schrieben Beschwerdebriefe an das Verteidigungsministerium. Werner Schwiederski, nach eigenem Bekunden "im Herzen immer ein Soldat", sah seine Führungskraft gefordert: Die inkriminierten Schränke wurden ausgemustert, die Räume zugesperrt, die Akten eingeschlossen. Denn mit Lüften allein, wie vom TÜV empfohlen, war dem Problem nicht beizukommen. Einmal sensibilisiert, reagierten die Sachbearbeiter auch auf die geringeren Ausdünstungen gelüfteter Akten mit Ausschlag und Husten.