Von Pierre Lellouche

TOKIO. – Wer sich als Europäer von der Wirkung der Diplomatie Michail Gorbatschows ein Urteil machen will, dem bietet sich bei einer Reise in den Fernen Osten ein kontrastreiches Bild. Während in Europa und auch bei einigen Amerikanern die sowjetische "Charm-Offensive" Eindruck gemacht hat (stärker vielleicht, als die Sowjets selbst es vermuteten), kommt sie in Asien nicht so recht an.

Dabei haben die Russen es durchaus versucht. Seit Gorbatschow an der Macht ist, haben sie die wachsende Bedeutung der pazifisch-asiatischen Region vor allem für die Weltwirtschaft erkannt und sich durch Reisen, Reden und politische Signale bemüht, die Sowjetunion als vollwertiges Mitglied der Region hinzustellen.

Gorbatschow selbst hielt dazu zwei wichtige Reden: im Juli 1986 in Wladiwostok, im September 1988 in Krasnoyarsk. Außenminister Schewardnadse hat die Region wiederholt bereist. Moskau hat sich nachhaltig bemüht, die Verstimmungen mit China aus dem Weg zu räumen. Die Sowjetunion nahm die Chance wahr, die ihr die Olympischen Spiele und der wachsende Anti-Amerikanismus in Seoul boten, um sich Südkorea über den Kopf Nordkoreas hinweg zu nähern.

Aber die Reden und Reisen der Russen können Moskaus Defizite in Asien nicht aufheben. Die Sowjetunion ist im Grunde eine europäische Macht. Die sowjetische Bevölkerung in Sibirien ist gering – acht Millionen Menschen, so viel, wie in Kambodscha. Die Sowjetunion ist vornehmlich militärisch präsent: 900 000 ihrer Soldaten stehen in Asien, ein Drittel ihres strategischen Raketenarsenals und ihre größte Marineflotte mit fast 840 Überwasserschiffen und 140 U-Booten. Die einzigen Verbündeten des Kremls in der Region, Vietnam und Nordkorea, sind wirtschaftlich zerrüttet und stehen kaum für politische Freiheit und sozialen Erfolg. Da ist es kein Wunder, wenn die Sowjetunion zumeist als fremde, bedrohliche Macht empfunden wird. Es wird ihr schwerfallen, die Struktur und das Image ihrer Präsenz in Asien zu verändern.

In Europa dagegen spielt die Sowjetunion – dank ihrer langen historischen Erfahrung und dem Erbe von Jalta – eine herausragende Rolle. Hier können die Russen ihre Diplomatie und ihr militärisches Gewicht voll zum Tragen bringen. Aber in Asien fehlt es ihnen an Gespür und an den wirtschaftlichen Mitteln, um Zutritt zu dem hochtechnischen, wettbewerbsfreudigen Umfeld des Pazifischen Beckens zu finden. Zugleich bleiben die asiatischen Nachbarn Rußlands weiterhin wegen der prominenten russischen Militärpräsenz und ungeklärter Territorialdispute (z.B. über die Inseln nördlich von Japan) auf Distanz. Gorbatschows Werben fällt auf steinigen Boden.

Aber das entscheidende Problem für die Sowjets liegt in dem Teufelskreis wirtschaftlicher Unterentwicklung. Wer als pazifische Macht anerkannt werden will, muß auf wirtschaftlichen Erfolg programmiert sein. Deshalb ist ja auch die Position der Vereinigten Staaten noch immer so stark, trotz Vietnam und mancher örtlicher Probleme auf den Philippinen und in Südkorea. Die Asiaten wissen, daß ihr eigener wirtschaftlicher Erfolg entscheidend nicht nur von der 7. US-Flotle, sondern auch vom amerikanischen Markt abhängt.