Die Vorstellung, daß amerikanische Fahnder ohne Erlaubnis und ohne Wissen der Bonner Regierung mit Polizeigewalt in den zivilen Alltag der Deutschen eingreifen können, ist indessen höchst abenteuerlich. Es durfte darum erwartet werden, daß die Bundesregierung die verschreckte Öffentlichkeit über die Rechtsgrundlagen der NEST-Stationierung rasch ins Bild setzen würde. Tatsächlich kann ja die Existenz einer kompetenten US-Notfall-Truppe auf deutschem Boden mit plausiblen Argumenten gerechtfertigt werden.

Doch statt klarzustellen, wurde vernebelt; statt Fakten gab es Märchen. Und so trat in den folgenden Tagen und Wochen hinter der NEST-Affäre der wirkliche Skandal regierungsamtlicher Desinformation hervor, die weit mehr Zweifel an der faktischen Souveränität der Bonner Regierung aufkommen läßt, als es die Existenz der NEST-Truppe je gekonnt hätte. Lassen wir im folgenden ein paar Szenen aus diesem absurden Informationstheater Revue passieren.

Am 23. September, einen Tag nach den Enthüllungen in der Ausschuß-Sitzung, erklärt FriedrichZimmermanns Innenministerium, zwischen der Bundesrepublik und den USA gebe es in Sachen "Anti-Atom-Truppe" keine, auch keine geheimen Absprachen; eine Truppe wie NEST auf bundesdeutschem Boden "existiert nicht". Am nächsten Tag antworten die Sprecher des Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums den nach NEST fragenden Journalisten: "Wir fühlen uns nicht angesprochen." Haben also Leventhal, Fechner und Soell geflunkert?

Vielleicht doch nicht, denn in der folgenden Woche beschaffen sich Abgeordnete und Journalisten einen in den USA frei erhältlichen Bericht des US-Verteidigungsministeriums und der US-Energiebehörde aus dem Jahre 1984. Darin heißt es, daß 1982 eine NEST-Einsatztruppe in Westdeutschland stationiert worden sei. Deren Aufgaben: Fahndung bei Diebstahl; Überwachung von Transporten; Prävention und Schutz bei Unfällen wie auch bei "terroristischen Aktivitäten". Ihr Einsatzgebiet: Westeuropa. Abgeordnete der Oppositionsparteien wollen nun den Fall vor den Innenausschuß ziehen.

Jetzt plötzlich erinnert sich das Innenministerium. Und so kommt am 7. Oktober das Dementi des Dementis: Doch, es gebe geheime Absprachen zwischen beiden Staaten über "Vorkehrungen zum Schutz" der in der Bundesrepublik gelagerten Atomwaffen. Ob aber eine NEST-Truppe auf deutschem Boden stationiert sei, dürfe nicht gesagt werden: geheim!

Es dauert sechs Tage, dann zirkuliert unter Abgeordneten und Journalisten ein geheimnisvoller "Rahmen-Einsatzplan bei nuklearen Unfällen/Zwischenfällen", abgefaßt vom Oberbefehlshaber der amerikanischen Heeres-, Luftwaffen- und Marineverbände in Europa (Hauptquartier: Stuttgart-Vaihingen) für den internen Gebrauch. Kenn-Nummer: USCINCEUR-CONPLAN 4367-87. Dieser knapp hundert Seiten starke, am 30. Januar 1987 in Kraft gesetzte Einsatzplan war zunächst als geheim klassifiziert, acht Monate später aber zum überwiegenden Teil freigegeben worden. Seither verschickt ein neuseeländischer Friedensstreiter mit Namen Peter R. Wills den Text zum Preis von zehn US-Dollar in alle Welt, garniert mit einem eigenen Kommentar.

Einer der Empfänger des Wills-Pakets ist der Hessische Rundfunk. Am 13. Oktober berichtet er als erstes Medium über diesen nun nicht mehr geheimen Rahmenplan – und behauptet anhand einer fehlerhaften Übersetzung, die US-Streitkräfte würden gegebenenfalls "Aufgaben der zivilen Behörden des Gastlandes übernehmen", also die Rechtsordnung und so auch die Hohheit dieser Republik übergehen. Wilde Spekulationen über die schier grenzenlose Machtfülle der US-NEST-Truppe wuchern im Abgeordnetenhaus und in den Redäktionsstuben; doch die Bonner Minister verstecken ihre Köpfe tief im Sand.