Ein Ausnahmefall? Erst Ende August gab es beim Air Force-Stützpunkt in Ramstein ähnliche Szenen: Als geringe Mengen eines giftigen Treibstoffs ausflössen, sperrten amerikanische Soldaten eigenmächtig die Autobahn zwischen Kaiserslautern und Landstuhl. Kritische Fragen eines Journalisten wurden barsch zurückgewiesen.

Solche Beispiele belegen, daß sich die alliierten Streitkräfte oftmals nicht wie Beschützer, sondern wie Besatzer aufführen, die nicht dem Völkerrecht, sondern internen Dienstanweisungen und ihren alten Gewohnheiten gehorchen. Somit führt uns das NEST-Theater vor allem die Doppelbödigkeit der Beziehung zwischen Deutschen und Alliierten vor Augen – und verweist auf die stets aktuelle Gegenwart gewisser Alliiertenrechte, die mit dem Souveränitätsanspruch der Bundesrepublik zu kollidieren drohen.

Nach 33 Jahren kommen Zweifel

Während dreier Jahrzehnte lebten die Westdeutschen im Bewußtsein, daß mit dem am 5. Mai 1955 in Kraft getretenen Deutschlandvertrag "die Wiederherstellung der deutschen Souveränität allen Zweifeln entrückt" sei, wie es Konrad Adenauer formulierte. Doch Jahr der souveränen Bundesrepublik; werden überall Zweifel laut: Warum dürfen amerikanische Gerichte auf deutschem Boden Todesurteile aussprechen? Warum können deutsche Gerichte den alliierten Tieffliegern das Tieffliegen nicht verbieten? Warum weiß der deutsche Verteidigungsminister nicht, ob er den Alliierten die Durchführung von Kunstflugübungen untersagen kann? Warum dürfen deutsche Behörden über die Lager-Standorte hochgefährlicher C-Waffen nicht mitentscheiden? "Seit der Flugkatastrophe von Ramstein", sagt der Militärexperte und Grünen-Abgeordnete Alfred Mechtersheimer, "werden längst vergessene Verträge und Abkommen plötzlich in Frage gestellt." Nicht Kommunisten oder Nationalisten, sondern Öko-Gruppen, Bürgerinitiativen und Linksliberale verlangen die Überprüfung der Bündnis-Verträge, um – wie es Herta Däubler-Gmelin sagt – "vermeintliche Rechte zurückzuschneiden, die unsere Hoheitsbefugnisse beeinträchtigen".

Dies freilich ist ein heikles Unterfangen. Denn die Bundesrepublik war vermutlich nie so souverän, wie Konrad Adenauer glauben machte, sondern stets gebunden an das am 5. Juni 1945 proklamierte und noch heute geltende Recht der Vier Mächte zur Besetzung Deutschlands, erkennbar etwa daran, daß der alliierte Kontrollrat mit Sitz in Berlin auch heute noch existiert. Tatsächlich haben die Alliierten stets unterschieden zwischen den Befugnissen der Bundesrepublik auf der einen Seite und ihrem "Vorbehalt" für "Deutschland als Ganzes" auf der anderen Seite.

Diese Zweigleisigkeit prägte auch den Deutschlandvertrag von 1955, mit dem das Besatzungsregime in der Bundesrepublik offiziell beendet wurde: In Artikel 1 wird der Bundesrepublik "die volle Macht eines souveränen Staates" zugesprochen; doch mit Artikel 2 behalten die drei Westmächte "die bisher von ihnen ausgeübten oder innegehabten Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und auf Deutschland als Ganzes". Dieses Gesamt-Deutschland existiert zwar nur mehr als Fiktion, es ist aber an das Territorium der Bundesrepublik und der DDR gebunden. Amerikaner, Briten und Franzosen haben darum stets zwei Gründe – und zwei verschiedene Rechtsgrundlagen – für die Stationierung ihrer Truppen auf bundesdeutschem Boden: Zum einen beschützen sie uns aufgrund des 1954 mit Bonn geschlossenen Aufenthaltsvertrags als Nato-Bündnispartner; und zum andern bewachen sie uns nach Maßgabe der Art.2 und 4 des Deutschlandvertrages als Ex-Besatzer.

Der Umstand jedoch, daß die Bundesrepublik diesen Aufenthaltsvertrag nicht kündigen kann, "begründet Zweifel an der Souveränität der Bundesrepublik", urteilt der Westberliner Völkerrechtler Dieter Schröder (siehe: "Sonderfall Deutschland", DIE ZEIT Nr.42): "Die Bundesrepublik hat gegenüber einer auf Deutschland als Ganzes bezogenen Truppenstationierung der drei Westmächte keine Rechte eines souveränen Staates."