Von Hanno Kühnert

Der Volksgerichtshof war wohl das erbarmungsloseste, das abhängigste und bornierteste Gremium mit dem falschen Mantel eines Gerichts, das es in Deutschland gab. Dies wird wieder klar nach der Lektüre eines umfänglichen und gründlichen Buches von Hannsjoachim W. Koch. Doch der seit langem in England lehrende Historiker meint dauernd etwas anderes, als sein Buch sagt. Koch versucht nämlich in großem Stil, den Fanatiker Freisler zu einem ordentlichen Menschen und relativ korrekten Juristen darzustellen, den Volksgerichtshof als richtiges, normales Gericht, ja er versucht, die Hitler-Diktatur zu einer im voraus berechenbaren, durch ihren legitimen Anfang gerechtfertigten Herrschaft zu machen – und das deutsche Volk schließlich zu einer Masse, die sehenden Auges und wollend in das hineintappte, was dann in den letzten sieben Jahren der NS-Zeit in Europa geschah.

Dieses dicke Buch über den Volksgerichtshof und seine historische Umgebung kann der Leser zwar mit Gewinn durcharbeiten, aber er muß schließlich resümieren: Das Buch ist weit besser als sein Verfasser. Es sagt nämlich streckenweise das Gegenteil von Koch, es bestärkt mit seiner Materialfülle die bisherigen Urteile über den Volksgerichtshof, es widerlegt die Meinungen seines Autors, und deshalb widerlegt es auch seine Ansicht über sich selbst, er sei vorurteilsfrei. Er will diese gerichtsförmige Naziherrschaft erklären, aber er beschönigt sie. Doch dieser Versuch wird von den Zeilen des Verfassers nicht mitgetragen.

So spaltet das gespaltene Buch die Gefühle des Lesers: Kochs Mißachtung der juristischen Erkenntnisse und Literatur über dieses "Gericht" werten das Buch ab. Die Breite der Quellen, die profunden Kenntnisse des Verfassers, die Darstellung des Volksgerichtshofes in zeitlicher Reihenfolge und mit ausreichender Breite – sie machen das Buch wieder wertvoll. Aber der Leser wird malträtiert, hin- und hergerissen. Liefert er sich dem aus, kann er Gewinn an dem seltsamen Buch haben.

Die Arbeit lebt von Kochs Meinung, die Deutschen und ihr Parlament hätten 1933 alles kommen sehen, alles auch voraussehen können, und sie seien dennoch willentlich in die für lange Zeit legitimierte, weil gewollte Naziherrschaft gegangen. Mit dieser Vorwurfshaltung begründet Koch am Ende auch seine Meinung, der Volksgerichtshof sei ein ordentliches Gericht gewesen. Alles war nach und nach faktisch legitimiert, und der Krieg legitimierte noch zusätzlich, so daß schließlich viele Greuel dem Verfasser als etwas in diesen Zeiten Normales erscheinen. Aber seine Quellen strafen ihn Lügen.

Der NS-Volksgerichtshof, dessen Entstehung und erstes, weniger blutrünstiges Wirken bis zum Kriegsbeginn Koch schildert, legte das Recht "extensiv und flexibel aus" – Koch meint es eher lobend, ohne Gedanken daran zu verschwenden, daß es sich hier um Rechtsbeugung und Rechtsbruch handelte, begangen von zunächst opportunistischen, dann überzeugten "Richtern" in fanatischer Hitlergefolgschaft. Auch in diesem Buch steht, berechtigt, Roland Freisler im Mittelpunkt. Koch sieht ihn immer wohlwollend von oben, aus der Sicht des staatsbewußten Historikers. Freisler war für Koch integer, ein untadeliger Privatmann, ein glänzender Jurist, ein vernünftiger Schreiber von Privatbriefen. Daß Freisler ein Fanatiker Hitlers war, der unter der roten Robe den Dolch des politischen Mörders trug – dieser Wertung versagt sich Koch. Er versteht Freisler als einen scharfen, aber in diesen Zeiten und aufgrund seiner Gesinnung weitgehend gerechtfertigten Richter. Doch seine annähernd 100 Seiten Originalton Freisler, nämlich Vernehmungsprotokolle der Hauptverhandlungen, widerlegen Kochs Ansicht, Freisler sei "der Sündenbock der deutschen Justiz" geworden: Er war ein hinterhältiger, fanatischer und seine Machtposition auf widerwärtige Weise genießender Mörder. Für seine oft wiederholte Behauptung, NS-Juristen hätten später alle Schuld auf den toten Freisler abgeschoben und deshalb sei der als so diabolisch in Erinnerung, legt Koch keinen einzigen Beweis vor.

In auffälligem Gegensatz zu seiner verständnisvollen Freisler-Darstellung schreibt der Historiker Koch schäbig und überheblich, in oft unerträglichem Ton, über die Opfer Freislers und dieser Scheinjustiz. Mag es richtig sein, daß der 20. Juli nun entmythologisiert und seine Protagonisten entidealisiert werden: Ihre verwirrten und desori-