Von Fredy Gsteiger

Ein großer Landsitz, Mariafeld, das den Zürichsee überschaut. Eine geborene Gräfin von Bismarck, die auf Briefe ihres Gatten, des Schweizer Generals Ulrich Wille, wartet. Liebevoll schreibt der und mehrmals wöchentlich ... und erhofft häufig fachmännisch-bismarckschen Rat. Harmlos an diesen Texten sind aber fast nur Schlußsätze wie "Dein alter, dummer Ulrich". Ansonsten erfährt Clara Wille-von Bismarck Militär- und Staatsgeheimnisse und kann des Generals unbegrenzte Bewunderung für das Reich mitfühlen: "Ob wir noch erleben, daß die Welt erkennt und zugesteht, wie groß Deutschland in diesem größten Krieg aller Zeiten dasteht?" Der Kalender zeigt Februar 1917, mitten im Ersten Weltkrieg. Und wir befinden uns in der neutralen Schweiz.

Niklaus Meienbergs Buch erregt Aufsehen, und bei den Eidgenossen hat es Empörung ausgelöst. Zu viele möchten nicht daran erinnert werden, wie unverblümt der rechte Polterer und sein Generalstabschef verlangten, unter Kaiser Wilhelms Fahne gegen Frankreich und Italien in den Krieg zu ziehen. Was aber selbst heute einige Schweizer Armeeführer nicht hindert, Willes Porträt in ihre Amtsstuben zu hängen. Darüber, daß die Sympathien der Schweizer Armeespitze, aber auch führender Politiker bis hin zu Ministern im Ersten Weltkrieg nicht eben unparteilich verteilt waren, möchten heute viele in der Schweiz ebensogern hinwegsehen wie über die wirtschaftliche Kollaboration mit Hitler und die Judenabweisung an den Grenzen im Zweiten Weltkrieg. Solche Tabus werden in aller Regel respektiert; auch von Schweizer Journalisten, die sich zu innenpolitischen Fragen meist erschreckend obrigkeitshörig, zaudernd äußern. In solcher Landschaft muß ein Niklaus Meienberg querliegen.

Durch Zufall ist Meienberg an die Briefe des Generals an seine Clara gelangt. Die Nachfahren Willes hielten diesen reichen Quellenschatz jahrzehntelang verborgen. Im Ortsmuseum der Zürichseegemeinde Meilen gelang es dem Autor aber, während einer Sonderausstellung einen Teil der Briefsammlung abphotographieren zu lassen. (Während etwa die Korrespondenz von Nazigrößen mit dem Sohn des Generals weiterhin in Privatarchiven schlummert.)

So wird ein Einblick in einen mächtigen schweizerisch-deutschen Clan möglich, mit Intrigen, Ranküne und Tragödien, mit Machtstreben und versteckter Einflußnahme. Ahnungslos erfahren wir mit sieben Jahrzehnten Verspätung, wie verfilzt das Schweizer Großbürgertum mit dem deutschen Adel war, welche Rolle enge Familienbeziehungen zum Textilimperium der Schwarzenbachs, zu den Industriellen Rieter, zu den blaublütigen von Erlach gespielt haben. Und wie Ulrich Wille II., Sohn des Generals und Bekannter Hitlers, als damaliger Korpskommandant gegen den Schweizer General Henri Guisan, einen überzeugten Gegner der Nazis, intrigiert hat. "Man sticht ins Herz blauen Blutes und heraus rinnt eine braune Flüßigkeit", meint Meienberg dazu.

Als "Jammerkerls und kleine Philister" beschimpfte General Wille die Schweizer Regierung, den Bundesrat, dessen "Piepmeiertum" er beklagte. Damit hatte er vielleicht gar recht, wagte es doch ebendieser Bundesrat nicht, den längst untragbar gewordenen und laut ärztlicher Gutachten senilen Oberbefehlshaber abzusetzen, einen Mann, der im Ernstfall seinem Amt nicht gewachsen gewesen wäre. Natürlich wäre so etwas heute nicht mehr möglich, erklärte der heutige Verteidigungsminister in Bern, Arnold Koller, kürzlich auf die Anfrage eines Abgeordneten. Daß jedoch irgendwelche Konsequenzen gezogen würden, läßt sich nicht erkennen. Lieber bezichtigt man Meienberg der Nestbeschmutzung, in den seitenlangen Leserbriefspalten nach Erscheinen des Textvorabdrucks in der Zürcher Weltwoche, in Rezensionen und in Podiumsdiskussionen. Oder man schweigt. Und setzte diesen Oktober Manöver unter dem Motto "Kaisermanöver" an, die jenes Truppenbesuchs gedenken, als Kaiser Wilhelm II. mit den Worten: "Sie ersparen mir 300 000 Mann" die Fähigkeit der Schweizer, den französischen Truppen standzuhalten, konstatierte.

In der Tradition von Emile Zolas "J’accuse", von Heine oder Bloch auch, klagt Meienberg an. Seine Parteilichkeit ist erfrischend. Seine Wirkung wäre aber wohl noch größer, wenn er Takt nicht völlig vermissen ließe, Abneigungen nicht gar so klar zutage träten. Am besten ist er nicht da, wo er militärische Fehler und politische Ränkespiele geißelt. Sein Paradethema sind die kleinen Leute, die Unterdrückung der Armen durch die Reichen. Am überzeugendsten ist seine Empörung, wenn er die Niederschlagung des Schweizer Landesstreiks durch die von Wille geführte Armee beleuchtet. Meienberg, der Linke, ist Historiker der kleinen Leute. Ihn läßt auch 70 Jahre später nicht kalt, daß der eidgenössische General die Arbeiterführer als "Schweinehunde", die Juden als "dreckig, fremdländisch" verunglimpft hat und sich daran ergötzte, wenn die Soldaten "während drei Tagen nicht aus den total durchnäßten Kleidern herausgekommen" sind. Ihn stört, daß sein Land zu bestimmten Epochen mit einem Gedächtnisverlust leben und lieber nichts hören will aus alter Zeit.