Von Barbara von Becker

Annoele lebt mit ihrer Mutter in London. Die Mama führt ein großes Haus und zieht sich für die vielen netten Kavaliere, von denen sie sich ausführen läßt, gerne elegant an. Äußerst kenntnisreich berichtet uns die Tochter von "Baimain"- und "Hartnell"-Kleidern, "Lanvin"-Kopftüchern oder "Vuitton"-Koffern und ist offensichtlich hin und her gerissen zwischen Skrupel ("das muß ja ein Vermögen kosten, dachte ich besorgt") und beruhigenderen Einsichten wie: "Meine Mutter und ich, wir konnten damals nicht wissen, was ihn das alles kostete – unser Lebensstil und welche Erwartungen wir an das Leben stellten."

Erzählt wird aus der Sicht des zehnjährigen Kindes, wenn auch gefiltert durchs Erinnerungsvermögen der nun erwachsenen jungen Frau, erzählt wird die exzentrische Geschichte vom smarten englischen Diplomaten Simon Tomlinson, seiner schönen, verschwendungssüchtigen Frau Laura und ihrer obszönen Ehekräche – vorzugsweise in Hotelrestaurants – im Beisein der armen kleinen Annoele.

Auf Reisen residiert die Mutter in Präsidentensuiten, während die Kleine in eine bessere Besenkammer gesteckt wird. Überhaupt wirkt diese Frau wie ein Zombie aus dem Lehrbuch schwarzer Pädagogik, eine Mischung aus Aschenputtels und Schneewittchens Stiefmutter. Der Papa ist auch nicht der Warmherzigste, aber immerhin erfaßt die Tochter die Situation mit einem, wie sie selber konstatiert, "schrecklich frühreifen Instinkt": nämlich, daß "Liebe eine verzweifelte Fiktion ist für Menschen, die nicht lieben können", eine Einsicht, die sie – wen sollte es wundern – traurig macht, "trauriger als es meinem Alter entsprach".

Annoeies Eltern sehen sich nur wenige Wochen im Jahr, da Laura Tomlinson es ablehnt, das Nomadendasein einer Berufsdiplomatengattin zu führen. Die Familie trifft sich in angenehmen Hotels zwischen Venedig und Kopenhagen, wo es unweigerlich jedes Mal zu Szenen zwischen den Erwachsenen kommt, gegen die sich die Auseinandersetzungen von Martha und George in Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" wie turtelnde Balzspiele ausnehmen. Zum fatalen Höhepunkt dieser Eheschlachten kommt es auf einer Reise von Prag über Salzburg nach München.

Man ahnt dunkel, weshalb sich Simon Tomlinsons Freude beim Wiedersehen der Gattin in Grenzen hält. Hatte doch in London das dänische Hausmädchen immer heimlich so hübsche Photos gemacht, wenn Laura am Arm eines Verehrers ins Auto stieg. Und ebenso kommt eine vage Vermutung auf, daß sich der noch recht junge britische Diplomat von seinem Foreign-Office-Gehalt allein wohl kaum den aufwendigen Lebensstil seiner Familie würde leisten können. In Salzburg steigt man im "Österreichischen Hof" ab, und hier kommt es auch zum letzten großen Eklat mit fliegenden Weingläsern, umstürzenden Dinner-Tischen und einer fassungslos schluchzenden Annoele.

Aber jede Form von Empathie des Lesers mit dem bedauernswerten Mädchen wird durch die hartnäckige Schludrigkeit des Textes verhindert. Immer wieder verzerrt Ronald Frame die Erzählperspektive der Zehnjährigen mit aufgesetzten Pointen und Einsichten, über die ein Mädchen in diesem Alter unmöglich verfügen kann und verbreitet Allgemeinplätze, die den kitschigen deutschen Titel "Rosen blühen nicht im Winter" (im Gegensatz zu ,,Winter Journy". im englischen Original) als den einzig richtigen erscheinen lassen. Dabei ist der 35 Jahre alte schottische Autor kein ungewandter storyteller und montiert die wie spotlights auftauchenden Erinnerungsstücke mit einigem Geschick zur Horrorstudie über das Drama des aufmerksamen Kindes. Wozu Frame in der Lage sein könnte, errät man an Passagen wie der beklemmenden Szene, wenn Annoele kurz vor dem Schlagbaum der tschechisch-österreichischen Grenze vor den unerträglichen Streitereien der Eltern aus dem Auto springt, losrennt und erst vom Schreckensschrei der Mutter angehalten, die Männer in Uniform wahrnimmt, ihre Gewehre im Anschlag auf sich gerichtet. "Minenfelder, das sind Minenfelder", flüstert der Vater, während er sie zurückbringt.