Holland Park könnte für ihn gemacht sein. Damen in eleganten Kostümen und auf gemäßigten Stöckeln, alte Bäume, säulenflankierte Hausportale. Hier trägt die Londonerin in der einen Hand mit spitzen Fingern den Küchlein-Karton mit dem Aufdruck der Delikatessen-Abteilung von Harrod’s, während die andere vorzugsweise eine Hundeleine hält, die am Hals eines nach letztem Chi-chi getrimmten Pudels endet. Steif Livrierte bedienen in den Restaurants, durch deren Reihen gern ein Stehgeiger schwebt. Man ahnt die eigene Überflüssigkeit. Man streut des mots françaises in Gespräche und speist nouvelle cuisine.

Das Halycon-Hotel an der Ecke pflegt das Surrogat britischen Country-Stils: Plüsch, Brokat und etwas Stuck an tiefen Ohrensesseln, Decken, Wänden, Türen und Hotel-Personal. Den Gemälden traut man ohne näheres Hinsehen Signaturen von Constable und Gainsborough zu. Es duftet nach Lavendel und Mottenkugeln.

Bryan Ferry, der Dandy der Pop-Generation, kauert in solcher Inszenierung auf stilvoll-hartem Gestühl – des Rückens wegen. Ein Knie meist bis zur Brust angezogen, fein gebräunter Teint, saloppe Eleganz mit Ton-in-Ton-Krawatte, doch ohne Bügelfalte. Jede Kerbe, jede Falte im Gesicht am richtigen Platz.

Wochen später. Bryan Ferry winkt zur Begrüßung jungenhaft ausgelassen ins Publikum der Constitution Hall, Washington D.C. "Hi!" sagt er leger. Und dann ein Triumphzug durch das Live-Repertoire seiner Pop-Dekadenz und viel warmes amerikanisches Gefühl für kalte Ästhetik. Die Stirn-Strähne wippt, die Krawatte flattert, das Flanell-Jackett ist bald nicht einmal mehr da. "Do the Strand" und "The Bogus Man" – die schmetterlingsbunte Rock’n’Roll-Variante gaukelt über die Bühne – die alte Neon-Reklame Roxy Music blinkt von der Kunstakademie her – und lockt ins Dreißiger-Jahre-Kino, in dem der Film rückwärts läuft.

"Wir hatten Boston, New York, jetzt Washington", sagt er nachher, schon wieder ganz Gentleman, "es war großartig. Im Osten, in den Universitätsstädten ist es immer großartig." Im Mittleren Westen tritt er nicht auf. Man liebt dort Springsteen und patriotisch rummsenden Rock. Bauchmusik. Das Farmer-Publikum hält ihn für ein Würstchen, irgendwo aus Europa. Ferry ist der Sohn eines Minen-Arbeiters aus Newcastle-upon-Tyne. Er näselt im distinguierten Tonfall von Prince Charles – aber er sieht gut aus.

Diesen und nächsten Monat ist er auch in Deutschland. Seit fünf Jahren ist es seine erste Tournee und die zweite erst (nach 1977), die er ohne seine Band Roxy Music macht. Ausgerechnet Bryan Ferry, die Ikone für dandyhaften Narzißmus, für larmoyante Weltschmerz-Inszenierung, trägt glaubhaft vor, "eigentlich immer noch schüchtern" zu sein. Tourneen und Interviews, wie im Halcyon, Holland Park, wo er jahrelang gelebt hat, hält er für verschwendete Zeit – selbst wenn er Spaß daran hat.

Seit 1972, als Ferry mit Roxy Music – damals auch noch mit Brian Eno – berühmt wurde, nähert sich der Symbolist des Pops mehr und mehr einem Derivat von dunklen Atmosphären, erotischen Ahnungen, Stimmungen der Verderbtheit (aber raffiniert muß es sein), Bildern schmelzender Schönheit, Filmszenen oder Mythen der Populärkultur. Für das Video zu "Limbo" ließ er karibisch-gestylte Girls im Josephine-Baker-Look durch bewußt falsch ausgeleuchtete Varietés und Boudoirs tappen, ließ sich selbst nur mit skurrilen Verrenkungen im Schattenriß sehen und Geparden an Hundeleinen spazieren führen – natürlich von Damen im Geparden-Fell. Seine Musik ist wie ein einziger Seufzer, wie der Klang von Parfüm. Ein Tropfen zuviel, und aus schmerzhafter Schönheit wird Ekel. Über den dezent-melancholischen Wohlklang aus Elegischem, Samba und Cha-Cha-Cha singt Ferry schmelzend so gnadenlos manieriert von so wüsten Themen wie der Müdigkeit Europas, von der Cocteau-inspirierten "BP ete Noire"(so hieß auch die letzte LP), von Voodoo, verbotenen Früchten und dem Mondlicht ("Limbo") oder gleich von "Avalon", nach keltischer Sage das "Gefilde der Seligen".