Von Dieter Buhl

ZEIT: Die westeuropäischen Regierungen hoffen auf Kontinuität in der amerikanischen Außenpolitik, was durchaus auch ein Kompliment für Ihre Tätigkeit ist, Sir. Können die Europäer damit rechnen, daß ihre Hoffnungen erfüllt werden?

Shultz: Davon gehe ich aus. Schließlich hat der designierte Präsident Bush großen Anteil an der Gestaltung unserer jetzigen Politik, und er hat sie bei vielen Besuchen in Europa vertreten. Ich denke also, er weiß, was funktioniert. Er wird deshalb eine Fortsetzung wünschen, auch wenn er sich natürlich darüber im klaren ist, daß sich die Situation weiterentwickelt und umfassende Konsultationen beibehalten werden müssen, damit wir mit der Entwicklung Schritt halten.

ZEIT: Als größter Schuldner der Welt stehen die Vereinigten Staaten vor neuen Herausforderungen im Bereich des Außenhandels und der internationalen Finanzen. Wird die Abhängigkeit von ausländischem Kapital auf längere Sicht nicht Amerikas Supermacht-Status gefährden?

Shultz: Nein, das glaube ich nicht. Erst einmal stimmt es schon nicht, daß wir das größte Schuldnerland auf Erden sind. Selbst wenn wir es wären, sind die Schulden im Verhältnis zu unserer Wirtschaftskraft eine Nebensächlichkeit. Die Zahlen, auf die sich die Leute berufen, sind meiner Meinung nach ohnehin nicht korrekt. Das läßt sich anhand einer Tatsache nachweisen: Wenn Sie die einlaufenden Erträge aus amerikanischen Vermögenswerten im Ausland mit denen vergleichen, die aus ausländischem Besitz von hier abfließen, dann erhalten wir immer noch mehr als wir an das Ausland zahlen. Man muß ein Anlagevermögen auch an seinem Ertragswert bemessen.

Es gibt Gründe dafür, warum die Statistiken, die in durchaus ehrlicher Absicht aufgestellt werden, in die Irre führen. Vieles von dem, was den Amerikanern im Ausland gehört, besteht in Direktinvestitionen, die vor langer Zeit getätigt wurden; sie werden zu alten, überholten Buchwerten bemessen. Die Anlagen der Ausländer in Amerika hingegen sind überwiegend Finanzinvestitionen, die nach aktuellen Preisen bewertet werden. Aus diesem Grunde vermitteln die angeführten Statistiken ein falsches Bild.

Auf der anderen Seite stimmt es natürlich, daß wir ein großes Handelsdefizit haben und gleichzeitig viel Kapital hereinströmt. Deshalb hat sich die Lage verändert, sehr verändert. Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt, wird sie in der Tat Folgen haben.