Von Manfred Schneider

Als Jean Genet im April 1986, gebeugt über die Fahnen eines letzten umfangreichen Prosatextes, in einem Pariser Hotel starb, da hatte ihn die europäische Literatur beinahe vergessen. Dabei waren dem späten Nachfahren der poetes maudits beim Erscheinen seiner ersten Bücher Ende der vierziger Jahre gleich die schönsten Ehrenplätze im Gedächtnis der Weltliteratur angetragen worden. Der ehemalige Fürsorgezögling, Dieb, Strichjunge, Bettler, Häftling, trug alle Insignien des verruchten Dichters, nach dem sich die Existentialisten verzehrten, und seine grausame, obszöne, poetische Prosa, "Notre-Dame-des-Fleurs", "Tagebuch eines Diebes", "Querelle" sowie seine Theaterstücke "Die Zofen" und "Der Balkon" versprachen ihren heftigen antibourgeoisen Affekten Linderung. Genet war eben vierzig Jahre alt, da begann Gallimard bereits mit der Herausgabe seiner "Sämtlichen Werke". Nachdem ihm dann Jean-Paul Sartre mit "Saint-Genet, Komödiant und Märtyrer" ein Monument gestiftet hatte, das merkwürdigerweise als erster Band dieser "Sämtlichen Werke" erschien, da waren in der Tat die wichtigen Werke des Dichters geschrieben.

Sartres zugleich rühmender und vernichtender Essay, der in Genet den Anwendungsfall aller Kategorien seiner Philosophie feierte, schien dem Gefeierten endgültig die Dichtersprache verschlagen zu haben. Im Schatten dieser gewaltigen Stilisierung schrieb Genet nur noch sehr wenig, Artikel, Filmskripts, er gab Interviews, hielt Vorträge und war bisweilen im Radio zu hören. Sein Eintreten für die Black Panthers Ende der sechziger Jahre, seine Parteinahme zugunsten der Palästinensischen Revolution und seine öffentlich bekundeten Sympathien für die RAF-Häftlinge gaben seinem Namen zwar neue Konjunktur; aber in den Schlagzeilen häuften sich auch die Anzeichen, daß Genet die Mahnung Sartres beherzigt hatte und sich vom Dichter schwarzer Figuren und obszöner Gesten zum engagierten Schriftsteller gewandelt hatte.

Nun ist der Dichter mit einem Prosa-Testament, an dem er die letzten drei Jahre seines Lebens arbeitete, zurückgekehrt. Vielleicht hat ihn der Tod Sartres im Jahre 1980 von der Last eines falschen literarischen Gewissens befreit. Seine "Palästinensischen Erinnerungen", voll melancholischer Schönheit, Grausamkeit, Klarsicht und Gedankenschärfe, lesen sich, als verfügte Genet plötzlich wieder über Kräfte, die jahrelang gelähmt waren.

Genet hielt sich in den Jahren von 1970 bis 1973 und 1982 bis 1984 in Jordanien, Syrien und zuletzt in Beirut auf, er lebte in palästinensischen Flüchtlingslagern und besuchte militärische Stellungen der PLO. Die bekannten Ereignisse der siebziger Jahre, die Überfälle der Al Fatah, die Terroraktionen, Flugzeugentführungen, aber auch die Rückschläge zehn Jahre später: die Massaker von Schatila und Sabra und der Exodus der beinahe aufgeriebenen PLO-Einheiten aus Beirut – sie durchziehen als Daten und Motive den Text. Doch das Buch gibt keinen Bericht, sondern ist ein detailbesessenes Erinnerungswerk.

Der Autor macht freilich keinen Hehl daraus, daß er den Black Panthers ebenso wie den jungen palästinensischen Freischärlern vor allem erotisch verfallen ist. Aber er bleibt auf Distanz, und aus dieser Ferne stimmt er immer wieder seinen Gesang auf die schönen, zumeist todverfallenen Körper der Soldaten an. Dem Leser Genets sind diese Hymnen aus anderen Büchern vertraut. Als "verliebter Gefangener", fasziniert von den düsteren Leidenschaften der Black Panthers und der Fedajin, verfällt Genet nur für Augenblicke seiner Hosenschlitzerotik; vielmehr bekränzt er die Objekte seiner Begierde mit schillernden Aphorismen. Die Politik der Black Panthers nennt er "Erektion statt Wahlen", doch versagt er sich nicht die Anspielung auf jene Erektion, die als Emblem der Gehängten gilt. Immer schon hat sich Genet von der Schönheit, Brutalität, Häßlichkeit und begreiflichen Sanftmut der Entwurzelten, Verbrecher und Outsider bezaubern lassen. Ganze Metaphernschwärme ließ er aus den Gemeinheiten, dem Bösen, Ekelhaften, Obszönen, dem Zynischen seiner Romanhelden hervorblühen. Die Wahrnehmung des "verliebten Gefangenen" nimmt indessen eine entgegengesetzte Richtung: an der palästinensischen Revolution, die ein Heldenepos aus seiner Feder erwartet, entdeckt er unzählige Züge der Schwäche, des Betrugs, der Lüge, Selbsttäuschung. Sein böser Blick durchdringt die heroische Selbststilisierung der Aufständischen unbarmherzig.

Der Präsidentin der palästinensischen Frauen, die ihn mit einer politischen Deklaration langweilt, schneidet er das Wort ab: "Ihr Gesülze ist allgemein bekannt." Auch im Alter hat Genet den Charme noch nicht erlernt. Genet ist kein Empörer, sondern ein Poet der vergeblichen Revolten. So nennt er die Revolution der Palästinenser zugleich ein "Fest" und ein "Leichenbegängnis". Es liegt nahe zu vermuten, daß Genet für eine siegreiche Revolution kein Wort fände. So bewegen sich hinter den von ihm geschilderten Al-Fatah-Kämpfern die Schatten seiner früheren Romanhelden, die von ihrer Hinrichtung träumen, weil sie ihnen Ruhm und ewiges Andenken sichern wird.