Von Bernhard Fleckenstein

MÜNCHEN. – Hat die Bundeswehr noch eine Zukunft? Die Streitkräfte befinden sich in der gesellschaftlichen Rundumverteidigung. Es mangelt an personellen und materiellen Ressourcen. Vor allem aber fehlt es an äußerer Zuwendung und an der inneren Einstellung, sprich: an gesellschaftlicher Akzeptanz und innerbetrieblicher Motivation.

Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Alles Militärische erscheint vielen heute als Anachronismus. Nur einer von zehn Bundesbürgern fühlt sich (noch) militärisch bedroht. Die neuen Bedrohungen sind: Ozonloch, Tschernobyl, Aids, Tiefflug, Kriminalität. Friede ist selbstverständlich und darf nichts kosten.

Der Verteidigungsaufwand ist auf 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts abgesunken. Die Kriegsdienstverweigerung nimmt zu. Wehrdienst wird zur Ausnahme. Die Bundeswehr steht für "Druck, Dreck und Drill", Verweigern ist "moralischer". 1988 wird es rund 80 000 Wehrdienstverweigerer geben. Das ist einsamer Weltrekord, nur zu bewältigen mit computergestützter Massenabfertigung. Wären es nur 30 000 weniger, brauchten die Streitkräfte keine neue Struktur, wäre die umstrittene Reservistenkonzeption überflüssig.

Gorbatschows "neues Denken" hat den Einstellungswandel nicht verursacht. Es beschleunigt allenfalls eine Entwicklung, die seit langem angelegt ist. Das läßt sich anhand empirischer Daten über mindestens zehn Jahre zurückverfolgen.

Der Parteienkonsens in der Sicherheitspolitik ist 1977/78 zerbrochen. 1976 hatte die Opposition letztmals einem Verteidigungshaushalt zugestimmt. Seither klaffen die politischen Auffassungen weit auseinander, und in den gesellschaftlichen Gruppierungen setzt sich das fort. Das große Anliegen von Georg Leber, die Versöhnung von organisierter Arbeitnehmerschaft und bewaffneter Macht, ist in Gefahr. Die Kluft tut sich wieder auf, Das hat Auswirkungen bis hinunter zum einzelnen Soldaten und für die Einstellung der Wehrpflichtigen allemal.

Deren Motivation wird nämlich nicht in erster Linie vom Verhalten der Vorgesetzten bestimmt, sondern hängt am stärksten zusammen mit der Haltung der eigenen Angehörigen und Freunde. Die Einstellung der Öffentlichkeit zur Bundeswehr bestimmt, wie der Wehrpflichtige seinen Dienst versteht. Hinzu kommt die Gruppennorm, auf alles Militärische zu schimpfen, vor allem auf inkompetente Vorgesetzte und eine übermächtige Bürokratie. Diese Mauer aus Gruppendruck und gesellschaftlicher Distanz kann auch eine vorbildliche "Innere Führung" kaum durchbrechen.