ARD, Mittwoch, 16. November: "Finsternis bedeckt die Erde"

Gegen Toleranz, Meinungsfreiheit und die "eigene Façon", gegen diese späten und schönen Blüten der Zivilisation hat sich einer erstaunlich lange gehalten: der Eiferer, der Fanatiker, der Fundamentalist. Er und seine Auftraggeberin, die "reine Lehre", sei sie religiöses oder politisches Dogma, geistern immer noch über den Erdball und spähen nach Opfern aus. Wäre der Eiferer ein bloßer Querulant und Haarspalter, die Meinungsfreiheit müßte auch ihn gewähren lassen. Doch er neigt zur letzten Konsequenz. Seine Geschichte ist ein Beinhaus. Deshalb verzweifelt die Liberalität in seinem Fall immer wieder an ihren eigenen Fundamenten.

In Europa ist es stiller um ihn geworden. Selbst im Osten scheint er auf dem Rückzug. Hierzulande liefert er Rückzugsgefechte auf der äußersten Rechten und bei den Grünen, in allerdings gemäßigten Varianten. Die letzte Konsequenz zieht er nicht mehr. Aber lange ist’s noch nicht her, da war er an der Macht.

Der polnische Autor Jerzy Andrzejewski schrieb seinen Roman "Finsternis bedeckt die Erde" nach dem Tode Stalins. Der Roman aber spielt im Spanien des 15. Jahrhunderts, wo der legendäre Großinquisitor Torquemada seine Folterknechte über Land schickt: für "das Königreich Gottes auf Erden". Die Gesetze, nach denen der dogmatisch inspirierte Terror funktioniert, ähneln einander in den verschiedenen Jahrhunderten und Weltgegenden. Das Dogma ist die Instanz, in dessen Namen die Ketzer bluten müssen, es legitimiert die Tortur, unter der selbst treueste Dogmatiker ihr eigenes Urteil sprechen. Die zweiteilige Verfilmung unter der Regie von Stanislas Barabas war höchst konventionell gemacht und gerade darum gelungen. Man sah ein Historienspektakel mit den üblichen Mittelalter-Versatzstücken von der Wehrburg bis zur Klosterzelle, vom Scheiterhaufen bis zum Königsthron. Man erlebte einen verschlagen dreinblickenden Francisco Rabal als Inquisitor, einen glühenden Auges die Welt verachtenden Jacques Breuer als Adlatus Diego. An diesen vertrauten Schauplätzen, unter diesen braven Schauspielern entspann sich die Tragödie von der letzten Konsequenz ungestört durch Regieeinfälle und Aktualisierungsideen. Obwohl die Aktion dominierte und die Schauersequenzen der Tortur und der Angst davor viel Raum beanspruchten, lebte der Film von seinen Dialogen; vom inquisitorischen Kampf gegen Toleranz, Meinungen und die eigene Façon. Vom Haß auf die Kritik, die Frage, ja den Gedanken selbst. Diese Spannung braucht keine Innovation bei Ausstattung und Ausdruck, keine Experimente mit Kamera und Schnitt. Sie gedeiht am besten auf dem Boden traditionellen filmtechnischen Handwerks.

Kurz vor seinem Tode kommt dem Inquisitor selbst das Grauen vor seinem Lebenswerk. Er sieht, daß die Angst aus den frommen Katholiken Spaniens mechanische Schatten gemacht hat. "Wir haben ihren Geist und ihre Herzen zerbrochen", sagt er zu Diego, "es gibt keinen Glauben mehr". Das ist es eben, daß der Terror nicht nur die Kritik am Dogma, sondern dieses selbst so gnadenlos liquidiert wie die Ketzer und Defätisten. Am Ende bleibt vom Reich Gottes auf Erden nur die letzte Konsequenz, die Erde als Grab.

Doch Torquemadas Sekretär Diego gibt die Erkenntnis des Sterbenden nicht an die Nachwelt weiter. Er, Diego, wird der neue Inquisitor sein.

Barbara Sichtermann