Von Mathias Greffrath

DER PRINZ. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst?

CONTI. Prinz, die Kunst geht nach Brot

DER PRINZ. Das muß sie nicht; das soll sie nicht, – in meinem kleinen Gebiete gewiß nicht. – Aber der Künstler muß auch arbeiten wollen.

Lessing, Emilia Galotti, 1. Akt, 2. Auftritt

Die Diskussionen über "Sponsoring" von Kunst zeigen vor allem eines: Mit Kunst haben wir es bereits nicht mehr zu tun. Debatten darüber, ob auf dem Pausenvorhang staatlicher Bühnen für französischen Schaumwein geworben werden, ob man in öffentlichen Museen VIP-Lounges für die Geldaristokratie dulden, ob ein Rüstungskonzern für ein Butterbrot sein Emblem in Programm-Hefte drucken darf, hätten vor zehn Jahren noch als unappetitlich und abwegig gegolten. Heute schwärmen die Direktoren staatlicher Museen von "Affenerfolgen", so als managten sie einen Catcher-Zirkus; heute geht es in der Berichterstattung über kulturelle Ereignisse immer häufiger um Zahlen: Gagen, Zuschauer, Umsätze. Operetten-Impresarios verlöten Gastronomie, Tiefbau, Tourismus und "Kunst" zu einem großen Getriebe. Olivetti-Chefs steigen "nach dem Lunch mit einem ausgesuchten Geschäftspartner ins Kloster Delle Grazie aufs Gerüst... (und zeigen ihnen) unseren Leonardo aus der Nähe". In einem maroden Kreislauf beschert die Wirtschaft dem Staat Arbeitslose, die seine Etats belasten, und wenn es dann im Überbau fehlt, machen große Unternehmen die Kulturinstitutionen für ein paar Mark zu Werbeträgern. Die Grenze zwischen Wirtschaft und Staat, dem Reich des Notwendigen, und der Kunst, dem Reich der Freiheit, verschieben sich. Und dabei gerät einiges ins Rutschen.

Wir sind auf dem Weg aus der Arbeitsgesellschaft in die "Kulturgesellschaft", sagen die Politiker und ihre Redenschreiber. Mit "Kultur" sollen nationale Identitäten gestiftet, die Wirtschaftsgemeinschaft ideell überhöht, dem Wirtschaftsprozeß Impulse, den Arbeitslosen ein Lebenssinn gegeben werden. Lothar Späth baut Museen und Konzertsäle, weil die High-Tech-Spitzenkräfte einen hohen "Ausgleichsbedarf" haben und ihre "Standortentscheidung ... zunehmend von der Qualität des Freizeitangebotes" abhängt. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Kultur. Die SPD fühlt sich für die Folgen zuständig. Das war schon immer so. Kultur soll, schreibt Hermann Glaser, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Freizeit "sozialpathologischen Gefahren" vorbeugen. Kultur ist "Primärprävention", der Kulturarbeiter ersetzt den Sozialarbeiter. Der Frustsuff des Proletariers, die Lust der Junkies, mit Steinchen zu schmeißen, der Überdruß der Boutiquen-Bourgeoisie, die sich eine Linie Koks nach der anderen reinzieht, sollen von Animateuren und Freizeitangeboten aufgelöst werden in die Artigkeit der Kulturgesellschaft. Kultur ist für alles zuständig: "Permissivität und Promiskuität werden angesichts der Aids-Gefahr zurückgehen, was vom Standpunkt der individuellen wie kollektiven, vor allem auch Familien-Moral zu begrüßen ist, aber nur dann triebdynamisch zu bewältigen ist, wenn Kultur ein umfassendes Sublimierungsangebot darstellt, also das ‚Unbehagen in der Kultur‘ in ein ‚Behagen‘ zu verwandeln vermag." Die Industrie-Partei glaubt dynamisch an Wachstum, und die Sozial-Partei, ein wenig spießig, an die Verwaltung der Folgen, an einer Art Kultur-Keynesianismus: "Kulturarbeit" sei "unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren der Informations- und Freizeitgesellschaft von morgen", verkünden die Kulturdezernenten von Nordrhein-Westfalen, denn "Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor, Wirtschaft ist ein Kulturfaktor" usw. Und die Grünen? Einstweilen häkeln und klimpern und töpfern sie noch. Es ist die alte Arbeitsteilung. Was ist neu an der "Kulturgesellschaft"?