Was Andrej Sacharow mit Edward Teller verbindet, ist ein Stück Vergangenheit. Was sie trennt, sind Welten. Jetzt standen sich die Väter der Wasserstoffbombe in Washington zum ersten Mal leibhaftig gegenüber.

Es ging dabei gar nicht so sehr um Vergangenes. Am allerwenigsten wollte der Veranstalter des Treffens, ein Forschungsinstitut, alten Streit aufwärmen. Das Institut hatte nämlich die konservative Elite der Hauptstadt versammelt, um Edward Teller anläßlich seines 80. Geburtstags als Urheber und unermüdlichen Promotor der "Strategischen Verteidigungsinitiative" (SDI) zu feiern.

Sacharow allerdings, der Humanist und Friedensnobelpreisträger, wollte und konnte sich und den anderen den Blick zurück nicht ersparen. "Was wir getan haben, war eine große Tragödie", sagte er. Ihm war die Vollendung einer H-Bombe schon 1953, also vor Teller, gelungen, der 1952 "nur" die erste thermonukleare Explosion ausgelöst hatte; die amerikanische Superbombe folgte der sowjetischen sechs Monate später.

Jede Supermacht hatte einen möglichen Vorsprung der anderen Seite in der Anfangsphase nuklearer Aufrüstung befürchtet. Es sei "eine Art Krieg" gewesen, erinnerte sich Sacharow und stellte sich selbst und Teller gleichermaßen unter den Schutz ehemaliger Überzeugungen von vaterländischer Pflicht. Für jene Jahre konstatierte der rehabilitierte Systemkritiker eine "Parallelität" ihrer Lebenswege, obwohl Andrej Sacharows Biographie vielleicht eher an die Robert Oppenheimers erinnert.

Oppenheimer, der Leiter des Manhattan-Projektes im Labor von Las Alamos, hatte nach Hiroshima das Wort vom "Sündenfall" der Physiker geprägt; Oppenheimer war es auch, der bereits in der ersten Stunde des Atomzeitalters den tiefen Riß in der Gruppe derer markierte, die es eröffnet hatten. Teller war sein Antipode. Und Teller kennt auch heute im Blick zurück weder Bedenken noch Bedauern. "Was wir wissen können, müssen wir wissen, ob es um Kernenergie geht oder um andere Kräfte, um Laserwaffen oder Abwehrwaffen im Weltraum", antwortete er dem Gast aus dem Reich der Perestrojka.

Daß Kernenergie notwendig und nützlich sei, daß betriebssichere Reaktoren gebaut werden müssen und gebaut werden können, darin waren sich der amerikanische und der sowjetische Gelehrte in einem 20-Minuten-Dialog sehr schnell einig. Dann aber brachte Sacharow das Gespräch sehr schnell auf SDI. Da zeigte sich eine "tiefe Differenz" mit Teller und der konservativen Phalanx vor Präsident Reagan: SDI destabilisiere die Weltlage und fordere riesige Ausgaben; selbst wenn Systeme im All noch nicht mit Atomwaffen bestückt seien, entstehe ein Zwang zu ihrer Zerstörung. "Das kann den Nuklearkrieg auslösen." Und: SDI stehe dem Start-Abkommen im Wege.

Sprach’s und verabschiedete sich. Auf einem Bildschirm erschien Ronald Reagan, um den Jubilar zu beglückwünschen. Er dankte Edward Teller, der ihm den "Krieg der Sterne" plausibel gemacht hatte. Teller sagte nichts von Stationierungsabsichten, beschwor aber eindrucksvoll Forschungsanstrengungen zum Zwecke der Verteidigung. Mit einem Anflug von Ironie fügte er hinzu, daß Sacharow seit 20 Jahren kein Geheimnisträger mehr sei, folglich nicht wissen könne, daß die Sowjetunion den USA militärtechnologisch wahrscheinlich um mehrere Jahre voraus sei.

Als einer der Wortführer der Versammlung dem Kämpfer für die Menschenrechte in der Sowjetunion nachrief, man wolle alles tun, um ihm zu helfen, nur den Verzicht auf SDI könne man ihm nicht zusagen, da brach Jubel aus. Edward Teller, der aus seiner Überzeugung nie ein Hehl gemacht hat, sagte, er wisse zwar nicht genau, was Glasnost heißt, er wisse aber, daß der Wandel in der UdSSR mehr Einfluß für Sacharow und den Beginn eines neuen Dialogs bedeute, da war es still im Saal. Ulrich Schiller