Von Elisabeth Burkhard

Ein Danziger, der bis vor wenigen Wochen in seiner Heimatstadt arbeitete, floh jetzt nach den Westzonen. Auf seinen Schilderungen fußt folgender Bericht:

Siebenundzwanzig Gebäude haben in Danzig die Kampfwochen von 1945 und den großen Brand, den die Roten Truppen nach ihrem Einmarsch legten, überstanden. Zu ihnen gehörten der Riesensteinklotz der ehemaligen Arbeitsfront, das Gericht, Gefängnis und Polizeipräsidium. Alles andere versank. Und über die leer gebrannten kahlen Plätze zieht wie ein quälendes Grillengezirpse der polnische Sing-Sang einiger pagenköpfiger Schulmädchen auf dem Wiebenwall von der süßen Puppe Nataschka. Fünfhundert Schritte weiter beginnt eine tote Stadt. Sie heißt heute "Gdansk".

Das Langgasser Tor, der Eingang zur Stadt, blieb. Ab und zu braust eine Straßenbahn hindurch. Polnische Hausfrauen fahren von einem Vorort zum anderen, um einzukaufen. Selbst die wenigen Fußgänger, die in aller Eile auf ihrem Weg zum neuen Konfektionshaus in der Breitgasse den Torbogen passieren, achten nicht auf die zwei eingemeißelten Sprüche zu ihren Häuptern. "Durch Eintracht wachsen kleine Staaten, durch Zwietracht stürzen die großen", lautet der eine. Der andere: "Es müsse Frieden sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen". Weisheiten vergangener Jahrhunderte.

Die schlanken, reichgeschmückten Patrizierhäuser der Langgasse sind nicht mehr. Brennessel- und Grasgestrüpp überwuchert die Trümmer der Paläste, in denen "das Glück wohnte". Einsam steht links ein heiles Haus: das Pennälercafe Weitz; rechts der Grabhügel des Uphagenhauses. Er birgt die vielen Kostbarkeiten des anmutigen Rokokoschlößchens der altehrwürdigen Ratsfamilie Uphagen: die zierlich verschnörkelten Stühle, Truhen und Spiegel der hochfenstrigen Salons, das verklimperte Spinett von Mademoiselle und all die zinnernen Töpfe, Schüssel und Kannen der Küche.

Durch das sanftgeschwungene S der Langgasse zogen einst prunkvolle Gefolge: polnische Würdenträger in Samt und Seide, von schwarz gekleideten Ratsherren freundlich begrüßt und noch freundlicher verabschiedet; adlige Sendboten aus aller Herren Ländern; deutsche Ordensritter, Könige, Kaufleute, Soldaten, Missionare, Völkerbundskommissare und schließlich Adolf Hitler. Durch ihn verlor Danzig mehr als nur die Freiheit und das Leben vieler seiner Bewohner: Es verlor seinen Namen, sein Deutschtum, sich selbst. Damals – als der "Feldherr der achtzehn Tage", das "unwiderrufliche" Ende des letzten Polenreiches im Artushof verkündete, übertönte seine heisere Stimme das leise Kirchenlied, durch das, wie jeden Tag, vom Rathaus her das automatische Glockenspiel die Tageszeit anzeigte. War es nicht die Stimme der alten Stadt selber, die man von jenem Septembertag an überhörte? ...

Heute leben nur noch wenige Deutsche in der Stadt. Sie sind bei den Polen angestellt, die aus Danzig das polnische Tor zur Welt machen wollen. Bisher ist es bei den Plänen geblieben. Und ob es je viel mehr werden wird? – Man denke nur an das benachbarte Gdingen, wo die Polen in normalen Zeiten 20 Jahre brauchten, solche Pläne zu realisieren; einige moderne Hafenbecken und ein Dutzend in die Dünen gestellte Hochhäuser amerikanischen Stils waren das Ergebnis. In Danzig jedenfalls ist heute noch alles, auch das rechtsstädtische Viertel, wo nur ein paar Deutsche in Kellern hausen, ein trostloser Trümmerhaufen. Hier lag das "Schatzkästchen" – so nannten die Danziger die Gegend, in der Eichendorff dichtete, Schopenhauer philosophierte, Chodowiecki malte. Hier braute aus Zitronenschalen, Wacholderbeeren, Koriander, Kardamom, Nelken, Rosenblättern, Zimt, Muskat und anderem mehr die berühmte Likörfirma "Danziger Lachs" ihr noch berühmteres "Danziger Goldwasser" zusammen. Dies war die Welt der engen, romantisch verwinkelten Gassen und Gäßchen, die, wie hilflose Küken zur Gluckhenne, auf die behäbig in ihrer Mitte thronende Marienkirche zuliefen.