Von Eva Pokorná

DUISBURG. – Internationale Auskunft: „Ich habe eine ganz ungewöhnliche Bitte an Sie. Könnten Sie mir in Bologna mehrere Vier- bis Fünf-Sterne-Hotels mit Namen und Telephonnummer heraussuchen?“ frage ich Samstag spät abends. „Das ist nicht üblich, wir können Ihnen nur die Rufnummer geben.“ – „Bitte, könnten Sie es nicht ausnahmsweise tun? Es ist ganz, ganz wichtig.“ – „Dann warten Sie einen Augenblick ...“ Wenige Minuten zuvor auf dem Bildschirm war Alexander Dubček bei seiner Ankunft in Bologna zu sehen gewesen: Ein wenig älter, ein wenig grauer, doch dasselbe rührende Lächeln wie der Mann, der vor 20 Jahren die Welt faszinierte und von einem neuen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ sprach.

Die älteste Universität Europas in Bologna sollte ihm am nächsten Tag die Ehrendoktorwürde für politische Wissenschaften verleihen. Alexander Dubček, Sasa, wie ihn seine Freunde nennen, Symbolfigur von Perestrojka und Glasnost – vor zwanzig Jahren. „Hören Sie, da wären einige Fünf-Sterne-Hotels: Namen und Rufnummer, Vorwahl, eine Minute 86 Pfennige.“ Morgen würdigt Dich die Welt, Sasa, würde ich ihm sagen, sie hat Dich und Deine Ideale nicht vergessen, trotz aller erbärmlichen Verleumdungen, Erniedrigungen. Wieviel Schmerz, wieviel Enttäuschungen hast Du hinnehmen müssen, wieviel Kraft hat Dich und Deine Familie diese verlorene Zeit gekostet. Aber morgen, Sasa, morgen werden wir alle Zeugen Deiner Rehabilitierung sein.

„Peccato, non abita nel nostro Hotel“, leider wohnt er nicht bei uns. Die Stimme in der Hotelrezeption klingt bedauernd. Sätze, die sich an diesem Abend noch zehnmal wiederholen. Vielleicht wohnt er bei Freunden, vielleicht im Gästehaus der Universität? Eine veschlafene Stimme rät mir, Hotel Roma anzuwählen, 274400. „Pronto“, sagt der Nachtportier. „Sie erwarten doch nicht im Ernst, daß ich Signor Dubček zu dieser Nachtstunde wecke. Er hat morgen einen langen Tag. Und übrigens, wir sind ein kleines Hotel: Es gibt keine Telephone auf den Zimmern.“ Er hängt ein.

Ich habe ihn gefunden, ich habe ihn gefunden, sage ich mir in dieser Nacht, in der Schlaf nicht kommt, dafür Bilder aus der Vergangenheit. Vor sechs Jahren, im Theater in Bratislava, sah ich Alexander Dubček zum letztenmal, bei der Aufführung seiner Lieblingsoper „Nabucco“. Er kann den Chor des gefangenen, unterdrückten Volkes stundenlang hören: seine Sehnsucht nach Freiheit. Ich beobachte ihn in der Pause, allein, isoliert unter Menschen. Keiner hatte den Mut, ihn zu grüßen. Wie erkläre ich dem Gast aus dem Westen, er möge seinen Wunsch, Dubček die Hand zu drücken, in dessen Interesse unterlassen?

Jetzt ist er in Bologna, zum erstenmal im Westen. Und ich versuche es noch einmal am nächsten Morgen. Es gibt offenbar doch Zimmertelephone im Hotel Roma. Ich werde jetzt mit Alexander Dubček verbunden, und meine Stimme zittert. Wieviel einfacher wäre es, in Bologna zu sein, ihn stumm zu umarmen und dann vielleicht zu sagen: Die Geschichte ist am Ende doch gerecht, Saša. Ich frage nach Anka, seiner tapferen Frau, ohne die er all diese Jahre kaum ausgehalten hätte. Sie hat eine schwere Grippe, konnte nicht mitfahren. „Es wäre leichter für mich, wenn sie heute hier wäre“, sagt Dubček. Sasa, wie lebst Du? „Die Kinder arbeiten, die Enkel wachsen heran, ich bin Rentner, pflanze Bäume ... Wir werden älter, ungeduldiger. Ich habe auch diese Nacht, wie so oft, über mein Leben nachgedacht. Ich würde alles genauso tun wie früher, wenn ich von neuem beginnen könnte.“ Kein Wort des Selbstmitleids. „Es wird noch eine Zeit dauern, aber ich gebe nicht auf.“

Heute ist Dein großer Tag, Saša. „Unser Tag“, verbessert er mich. Er ist sehr erregt. „Diese Ehrung übernehme ich für alle, die zu mir standen, mir auszuharren halfen.“