Von Andreas Kilb

Auf alten Stichen, etwa auf Dürers "Melencolia", treffen manchmal seltsame Dinge zusammen: ein Engel, ein Hund, eine Kugel, eine Waage, ein Stein und ein Sonnenuntergang. Diese Dinge ergeben gemeinsam eine Bedeutung (zum Beispiel Melencolia, Melancholie), die sie einzeln nicht besitzen. Sie erzählen etwas anderes, deshalb nennt man sie Allegorien (von griechisch allegorein, etwas anderes sagen).

In alten Schlössern, besonders solchen aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, geht man bisweilen durch Räume voller Wandgemälde, die nach einem Zahlenschlüssel angeordnet sind. Sie repräsentieren die zwölf Monate des Jahres, die neun Musen, die sieben Lebensalter, die vier weltlichen oder die drei christlichen Tugenden. Nicht selten überkreuzen sich mehrere dieser numerischen Ordnungen, so daß der Betrachter in ein mathematisches Labyrinth gerät.

In alten Kalligraphien, wie man sie in bibliophilen Textausgaben findet, haben die Buchstaben oft Gesichter, Arme und Beine. Oder sie brüten Bilder aus: "G" ist ein Schlangennest, "T" ein zweifacher Galgen, "L" ein Turm mit Gemäuer. Die Anfangsbuchstaben mehrerer Kapitel ergänzen sich gelegentlich zu Worten oder Abkürzungen; sie führen ein stilles Gespräch.

Dies ist die Geschichte eines Künstlers der Gegenwart, der mit den gleichen Mitteln arbeitet wie die Kupferstecher, Maler und Illustratoren der Renaissance Und des Barock. Nur will er seine Vorgänger dadurch übertreffen, daß er die Allegorien, Zahlen, Buchstaben und Bilder in einem einzigen Rahmen, einem einzigen Medium versammelt. Dazu benutzt er eine Kunst, die erst das Zwanzigste Jahrhundert entwickelt hat, ein Medium, das die Künste aller vergangenen Epochen abbilden und wiederholen kann: Das Kino. ness, heaven und hell... das Lexikon ist der einzige Ort auf Erden, wo diese völlig verschiedenen Sachen zusammentreffen. Wie absurd – und wie notwendig! Denn auf diese Weise organisieren wir die Masse an Informationen, die von allen Seiten auf uns einstürzt.

Spiele funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie sind Verhaltensrituale, durch die wir das Chaos ordnen und begreifen. Der ganze Film Drowning by Numbers spielt Spiele. Ich wünschte, ich könnte Ihnen das System zeigen ... Mein Kino ist ein Kino der Metaphern und Begriffe. Diese Elemente wähle ich aus, wie man einen Baum oder eine Landschaft aussucht. Meine Filme sind wie Essays, Dissertationen, sie untersuchen, erklären, spekulieren über einen Gegenstand, ein Thema. Sie sind eklektisch, wie das Zeitalter, in dem wir leben, ein Zeitalter des Manierismus, des Postmodernismus, des Übergangs. Ich bin ein manieristischer Filmemacher in einer manieristischen Zeit."

Peter Greenaway hat vieles mit Alexander Kluge, dem Essayisten und Querdenker des deutschen Kinos, gemeinsam. Er ist, wie Kluge, sein eigener Zeremonienmeister, er kann jede Einstellung in seinen Filmen erklären, kommentieren, ausphilosophieren. Er ist, wie Kluge, ein großer Verwender und Wieder-Holer, ein Zitierer und Mythenzerkleinerer. "Es gibt eine Zeit, in der die Wahrheit zum Mythos und der Mythos zur Wahrheit wird", sagt Greenaway beiläufig, und dieser Satz könnte als Motto über jedem seiner Filme stehen.