Von Gabriele Venzky

Karachi, im November

Der berühmte Astrologe Professor Mohammad Afzal muß jetzt um seinen Ruf fürchten. Er hatte einen klaren Sieg der Islamischen Demokratischen Allianz (IJI) bei den Wahlen zum pakistanischen Nationalparlament vorausgesagt, und nun ist alles so ganz anders gekommen – nicht nur zur Überraschung des Professors. Die meisten Stimmen bekamen Benazir Bhutto und ihre Pakistanische Volkspartei PPP. Mit 92 Sitzen wird sie im Parlament in Islamabad vertreten sein, die IJI stellt nur 55 Abgeordnete. Das ist bei 207 muslimischen Abgeordneten zwar nicht die erhoffte Mehrheit, aber die fehlenden Stimmen glaubte Benazir bereits am Tag nach der Wahl beisammen zu haben. Sie zählte auf die Unterstützung der drittstärksten Partei, der MQM, die die indischen Einwanderer vertritt, und einige der 27 unabhängigen Parlamentarier.

Aber auch die IJI machte sich noch Hoffnungen auf die Regierungsbildung, vor allem nachdem sie bei den Provinzwahlen zwei Tage später in der größten und entscheidenden Provinz, dem Punjab, kräftig zugelegt hatte. Die Allianz ist ein Zweckbündnis des konservativen Establishments, der Fraktionen der in sich zerstrittenen Traditionspartei Muslim Liga, der Fundamentalisten und radikalen Islamisierer. Das Ziel, Benazir zu stoppen, hat sie zusammengeführt. Aber dann wurde sogar die alte Prominentengarde abgewählt: Jatoi, Ex-Premier Junejo, der Pir von Pagaro, Ex-General Fazle Haq, Cousin Mumtaz Bhutto, aber bei der PPP auch Ex-General Tikka Khan, der "Schlächter der Bengalen".

"Natürlich muß er mich mit der Regierungsbildung beauftragen", sagte Benazir Bhutto. Er, das ist Interimspräsident Ghulam Ishaq Khan, ein Mann in den Siebzigern, der zunächst so gelassen und unparteiisch über allem zu stehen schien. Doch Pakistan wäre nicht Pakistan, wenn die Dinge so reibungslos liefen. Anscheinend hat der alte Herr Gefallen an der neuen Macht gefunden, und so machten schnell Gerüchte die Runde, zwischen dem Präsidenten und der Wahlsiegerin sei schon wieder ein Geschäft im Gange: verlängerte Amtszeit gegen Regierungsbildung. Benazir Bhutto stritt das natürlich heftig ab.

Was in anderen Ländern selbstverständlich ist, daß die Partei mit den meisten Stimmen den Regierungsauftrag bekommt, scheint in Pakistan nicht zu gelten. Auch die Erben des tödlich verunglückten Präsidenten Zia-ul Huq tun sich nach elf Jahren Militärherrschaft ohne Parteien schwer, die neuen Realitäten anzuerkennen. Wer hierzulande Benazir auf dem Bildschirm sehen will, der muß schon das indische Fernsehen einschalten. Dort erscheinen die tumultuösen Szenen um die neue Volksheldin, die schon längst alltäglich geworden sind. Benazir in Larkana, dem Feudalsitz ihrer Vorfahren, belagert von Zehntausenden; Benazir bei ihrer Heimkehr auf dem nächtlichen Flughafen von Karachi, wo einem fast die Rippen eingedrückt werden; Volksfeststimmung vor der Bhutto-Villa im feinen Vorort Clifton, wo immer noch die blankgeputzten Messingschilder des Vaters "Zulfikar Ali Bhutto, Rechtsanwalt" und des im ganzen britischen Empire bekannten Großvaters "Sir Shah Nawaz Bhutto" prangen. Menschengewühl auch in Boat Basin, vor dem schneeweißen, neuen Haus mit dem überdimensionalen Leuchtpfeil, dem Symbol der Volkspartei, das Benazirs neuer Ehemann mitten in eine staubige Neubauwüste gesetzt hat.

Dort wartet auch Benazirs zwei Monate altes Baby auf die Mutter, die es kaum zu sehen bekommen hat. Denn vor der Wahl tobte der hektische Wahlkampf, die Schlacht um den Punjab, wo die meisten Stimmen zu vergeben waren. Und dann kam der Triumphzug nach Lahore. Mehr als zwölf Stunden brauchte der Wagenkonvoi von dem 70 Kilometer entfernten Gujranwala. Tausend, zehntausend, hunderttausend Menschen – die Zahl der Begeisterten war nicht mehr abschätzbar.