Von Wilfried Kratz und Gunhild Lütge

Gleich am Morgen hatte Lord Weinstock, der Chef der britischen General Electric Company (GEC), zum Telephon gegriffen und seinen "Intimfeind" Sir John Clark, den Vorsitzenden von Plessey, nach dem Gebot der Etikette ins Bild gesetzt. Clark nahm die Nachricht bestürzt zur Kenntnis. GEC und der deutsche Siemens-Konzern hatten gemeinsam ein Übernahmeangebot für sein Unternehmen gemacht.

Die Finanzwelt horchte auf. Wenn Siemens durch Firmenkäufe expandierte, geschah das nämlich bisher stets im freundschaftlichen Einvernehmen. Dieser Schritt nun führte den "schlummernden Riesen", so die Financial Times, auf ein neues Feld, in die Arena der "feindlichen Übernahme". Denn der Offene für die britische Elektronikfirma Plessey widersetzt sich das Opfer mit aller Energie. Der Ring ist frei für einen Kampf, der sowohl an der Börse wie in den Amtsstuben der Kartellbehörden ausgetragen wird.

An der Londoner Börse hatte man in der Vergangenheit häufig auf Siemens als den wahrscheinlichen Interessenten für Plessey getippt. Dem aber war ebenso regelmäßig ein Dementi gefolgt. Nun ist den beiden der Erwerb 1,7 Milliarden Pfund oder mehr als 5,35 Milliarden Mark wert.

Sollte der Zusammenschluß gelingen, hätte Siemens einen Coup gelandet. Während sich GEC einen Vorteil bei der Rüstungselektronik verspricht, hat der deutsche Riese vor allem die Telekommunikation im Visier. Kommt alles so, wie es sich Siemens erhofft, gibt es im Wettkampf der-Multis einen neuen Gewinner in Europa. Mit einem geschickten Zug hätten die Münchner ihre mächtige Konkurrenz eingeholt.

Bei der territorialen Aufteilung des europäischen Telemarktes hatten die Deutschen bisher stets das Nachsehen. Die Produzenten, die die technische Ausrüstung für die Fernmeldenetze der Länder liefern – ein Milliardengeschäft –, kämpfen um jeden nationalen Auftrag. Wenn nichts mehr geht, werden Konkurrenten einfach aufgekauft.

Die jüngste Übernahmeschlacht fand Ende 1986 in Frankreich statt. Dort stand die CGCT, der kleinere von zwei Telephonanlagenherstellern, zum Verkauf. Die Übernahme wäre für Siemens die Chance gewesen, im bis dahin völlig abgeschotteten Frankreich als erster Ausländer Zutritt zu bekommen.