Von Theo Sommer

Seit 27 Jahren ist der Staat der deutschen Kommunisten nach Westen zugemauert. Nun mauert Erich Honecker auch nach Osten. Er dichtet Türen ab und verklebt Fensterritzen: Der Wind des Wandels, der seit Gorbatschows Amtsantritt immer mächtiger aus Moskau weht, soll in der DDR keinen Einlaß finden.

Die Machthaber des anderen deutschen Staates haben im Interessengeflecht des Ostblocks öfters die Stellung gewechselt. Wo es um die Entspannungspolitik ging, marschierten sie bald mit den Sowjets, bald gegen sie. Unter Walter Ulbricht gehörten sie mit den Prager Altstalinisten und den Kalten Kriegern im Kreml dem "Eisernen Dreieck" der Dialog-Hintertreiber an; unter Honecker bildeten sie dann mit den Ungarn in den letzten Gromyko-Jahren eine Achse der Dialogbereitschaft. Die Außen- und Sicherheitspolitik ist es denn auch nicht, die den SED-Chef von Gorbatschow trennt. Es ist dessen stürmische Entrümpelung des Sozialismus in der Sowjetunion, die Honeckers Altherrenriege mißbilligt, fürchtet und im eigenen Lande abzuwenden versucht.

Perestrojka? Haben wir nicht nötig, sagen die SED-Führer; unsere wirtschaftliche Umgestaltung haben wir schon nach 1971 erledigt; ein Umbau des politischen Systems aber kommt überhaupt nicht in Frage. Aus solcher Hoffart erklärte vor anderthalb Jahren der SED-Ideologe Kurt Hager gegenüber dem Stern: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" In seinem Spiegel- Interview hat Gorbatschow darauf eine späte, doch unmißverständliche Antwort gegeben: "Es handelt sich... nicht um Maler- und Tapezierarbeiten, sondern um eine gründliche Rekonstruktion des Hauses, in dem wir leben." Nur des sowjetischen Hauses, erwidert daraufhin Hager; die sowjetischen Ziele seien nicht auf andere sozialistische Länder übertragbar. Plakativ, das Recht auf den eigenen Weg halsstarrig unterstreichend, feierte Honecker danach den transsylvanischen Mini-Mussolini Ceauşescu und hängte ihm den höchsten DDR-Orden um den Hals. Eine Allianz der Außenseiter?

Glasnost aber? Auch davon will die DDR-Führung nichts wissen. Ein bißchen mehr Vielfalt in Kunst und Literatur allenfalls, doch auch dies in Grenzen. Lebendigere Medien anstelle der tristen Verlautbarungs- und Agitations-Sprachrohre? Ganz unnötig, es gibt ja das Westfernsehen. Eine offene Diskussion über die Schrecken der Stalin-Zeit? Lieber nicht.

In Sinn und Form galt vor wenigen Monaten ein nachgelassenes Manuskript von Johannes R. Becher diesem Thema. Jetzt aber hat die Ostberliner Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten die sowjetische Zeitschrift Sputnik aus der Postzeitungsliste gestrichen und damit praktisch unter ein Verbreitungsverbot gestellt; das Oktoberheft war der Stalin-Bewältigung gewidmet. An den Kiosken gibt es die Publikation – Untertitel: "Digest der sowjetischen Presse"; DDR-Auflage bislang 180.000 – schon seit zwei Jahren nicht mehr. "Sie bringt keine Beiträge, die der deutsch-sowjetischen Freundschaft dienen, statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte", lautete die lapidare Begründung des Verbots. Es folgt der Beschlagnahme dreier Ausgaben der Moskauer Neuen Zeit Anfang des Jahres und fällt zusammen mit der Absetzung dreier reformerischer Sowjetfilme von den Kinoprogrammen. Die DDR-Bürger dürfen Westfernsehen sehen, nicht aber Ostfilme. Die Abweichungen des Klassenfreundes im Kreml fürchtet die SED-Spitze offenkundig mehr als die Ketzereien des Klassenfeindes.

Warum diese Eingriffe? Die abstrakten Gefechte der Ostberliner mit den Moskauer Ideologen? Die ständige Zensurierung von Kirchenblättern? Die Relegierung kritischer Schüler von der Carlvon-Ossietzky-Schule in Pankow, weil sie den Sinn von Militärparaden in Zweifel gezogen hatten? Das Verbot einer kirchlichen internationalen Tagung zu Friedensfragen? Vielleicht ist die SED-Spitze ja davon überzeugt, daß Gorbatschow sowieso scheitern wird und sie deshalb auf seine Ideen nichts zu geben braucht, die doch nur Unruhe schaffen. Auf jeden Fall hat sie Angst vor allem, was Diskussionen auslösen könnte. Der Ruf nach Wandel, woher er auch komme, soll in der DDR kein Echo finden.