Rita Süssmuth als Bundestagspräsidentin: Mehr Protokoll als Politik

Von Robert Leicht

Ein Stoßseufzer von zeitloser Wahrheit, als sei’s ein Satz von Rita Süssmuth angesichts ihres neuen Amtes: "Ich sträubte mich dagegen. Es war mir klar, daß es den Verzicht auf vier Fünftel meiner bisherigen politischen Arbeit zur Folge haben müsse. Aus Loyalität hatte ich endlich ja gesagt! Aus Loyalität gegen meine Partei und ihren Vorsitzenden."

Eugen Gerstenmaier war es, der mit solch widerstrebenden Gefühlen das hohe Amt antrat, das er – trotz seines am Ende peinlichen Abganges – so eindrucksvoll versah wie bisher kein anderer Bundestagspräsident. Doch bis ans Ende seiner Tage fühlte er sich um seine wahre politische Ambition gebracht: Außenminister, wenn nicht gar Kanzler – das waren die Ämter, die in seinen Augen zählten. Präsident des Parlaments – das war die reinste Entsagung.

Am Tag nach seiner Wahl las Gerstenmaier in einem Brief seines Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers – und wir sehen noch heute die Krokodilsträne quellen: "Den Vorsitz im Außenpolitischen Ausschuß werden Sie nunmehr ja abgeben, leider, leider! – Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre bisherige Arbeit und für das Opfer, das Sie gestern brachten, und bin mit recht herzlichen Grüßen wie immer Ihr Adenauer." Wie der Ahn, so der politische Enkel.

Sympathie und Respekt aus allen Lagern begleiten die neue Bundestagspräsidentin. Doch in die Erleichterung darüber, daß für Philipp Jenninger eine würdige Nachfolgerin gefunden wurde (vor allem darüber, daß mancher Anwärter abwinkte, der vorher gefragt worden war), mischt sich doch die Erkenntnis: Rita Süssmuth tritt einen Opfergang an.

Schon als Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit konnte sie zwar viel Vernünftiges sagen, aber nur wenig ausrichten, zumal ihr die nötigsten, zusätzlichen Kompetenzen schnöde verweigert wurden. Was will sie künftig noch bewegen? Gewiß, in Kohls Kabinett kann – außer Genscher – eigentlich niemand eigene Autorität ansammeln; nach den bevorstehenden Wechseln dürfte die Ministerrunde eher noch farbloser werden. Aber wenn es schon kaum gelingt, innerhalb des Kabinetts politisch eigenständig zu wirken, wie soll dies dann außerhalb der Regierung und gegen deren trägen Gang möglich sein?