Von Ezzelino von Wedel

Mit 33 wurde sie Ministerin für Familie, Gesundheit und Sozialordnung im saarländischen Kabinett – die jüngste in der Republik. Das Wort "Ministerin" schien manchen Zeitungen damals ungebräuchlich. Das Hamburger Abendblatt etwa schrieb: "Hausfrau mit vier Kindern wird jüngster Minister der Bundesrepublik." Das war 1973. Kurz danach kam ein fünftes Kind hinzu, und jetzt, 15 Jahre später, befindet sich Rita Waschbüsch, mittlerweile 48, wieder an einem markanten Punkt ihrer politischen Karriere: Gerade wurde sie zur Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gewählt. Damit beförderte die Vollversammlung des Komitees zum ersten Mal in seiner 120jährigen Geschichte eine Frau an die Spitze des organisierten bundesdeutschen Laienkatholizismus.

Eine historische Wahl also, an deren Ausgang niemand zweifelte, denn Rita Waschbüsch war die einzige Kandidatin, nachdem ihre Rivalin, die Berliner Bürgermeisterin und Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien, auf eine Kandidatur verzichtet hatte. Historisch hin, historisch her – Rita Waschbüsch ist bemüht, das Premierenhafte ihrer Wahl herunterzuspielen. "Ich möchte nicht", sagt die zierliche und zugleich energisch wirkende Frau, "daß man jetzt, nur weil eine Frau das Präsidentenamt übernimmt, das Frauenthema in den Vordergrund stellt." Ähnliches hatte sie etwas drastischer schon bei ihrer Ministerwahl 1973 wissen lassen: "Ich will keine Weiberpolitik machen, Frau sein ist kein politisches Programm." Daher ihre selbstbewußte Bilanz: "Als Alibiweib bin ich noch nirgends reingerutscht." Daher ihr bescheiden-kokettes Selbstporträt: "Ich bin eine typische KKK-Frau, komme von Kindern, Küche und Kirche."

Von Kirche gewiß. Sie ist im klassischen katholischen Nachkriegsmilieu groß geworden, gehörte dem Mädchenbund "Heiland" an, absolvierte die mittlere Reife und erwarb sich die Missio canonica, zu deutsch: die Lehrbefähigung für den katholischen Religionsunterricht. Da war sie schon verheiratet und Mutter. Eine sehr junge Mutter. Als sie heiratete, war sie erst 18. Dann kamen die Kinder, eins nach dem anderen, drei Mädchen, ein Junge. Und mit den Kindern die Küche, das Leben einer Hausfrau. "Wissen Sie, mit den Kindern hat’s eigentlich angefangen", hat sie einmal Bild anvertraut. "Im Grunde war jedes Baby auf dem Wickeltisch ein neuer Anstoß, in die Politik zu gehen. Irgendwie war die Verantwortung da, diese Welt zu verändern, in die ich meine Kinder hineingeboren habe. Es fehlt doch überall: Das fängt im Krankenhaus an, wo man die Babys bekommt. Und die Kindergärten. Und die Schulen. Alles ist doch noch im argen. Ja, meine Kinder haben mich direkt in die Politik getrieben."

Sie trat in die Union ein, war fünf Jahre Mitglied des Gemeinderats und wurde 1970, knapp einen Monat nach ihrem 30. Geburtstag, in den Landtag gewählt. Kommunalpolitik hat Rita Waschbüsch von der Pike auf gelernt: "Fünf Jahre in der Opposition im Gemeinderat ist kein Pappenstiel", meinte sie am Tag ihrer Ministerwahl in einem Interview. Drei Monate später wurde sie stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Saar, ein Amt, das sie bis heute innehat. Außerdem ist sie noch Vizepräsidentin des saarländischen Landtags. Und Vorsitzende des Bundesfachausschusses Familienpolitik. Und Vorstandsmitglied der Frauenunion. Sie war Vorturnerin im Sportverein Landsweiler. Und Vorsitzende im Familienausschuß des Diözesanrates des Bistums Trier. Und Vizepräsidentin des Zentralkomitees, dessen Präsidentin sie seit voriger Woche ist.

Ihr politisches Profil? Sie war für ein Erziehungsgeld für Mütter mit kleinen Kindern. Das sei billiger als der Versuch, Schäden bei verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen zu beseitigen, meinte sie. Sie setzte Kredite für jüngere Ehepaare und Zuschüsse zum Urlaub von kinderreichen Familien durch. Sie warb für mehr Solidarität zwischen den Generationen und war davon überzeugt, daß die Isolierung der Älteren "Verarmung für alle" bedeute. Sie prangerte pornographische Schriften als "sozialschädlich" an und versuchte, den Parlamentariern das Rauchen abzugewöhnen – ohne Erfolg. Aber nichts ist so an ihr hängengeblieben wie ihre Äußerungen zur Abtreibung. 1979 – gerade hatte sich die Nation von der US-Fernsehserie "Holocaust" erschüttern lassen – zog sie in der Landtagsdebatte zum "Jahr des Kindes" einen Vergleich zwischen Euthanasie und Kindermorden im Dritten Reich und der sozialen Indikation des Paragraphen 218: "Wenn jedes achte gezeugte, lebende bundesdeutsche Kind heute in Abtreibungskliniken in die Mülltonne befördert wird, dann haben wir vielleicht damit Holocaust in 30 Jahren, dann dürfen wir dazu nicht schweigen." Nach heftigen Reaktionen der sozialdemokratischen Opposition ergänzte sie: "Ich brauche nichts zurückzunehmen und beleidige niemanden, wenn ich davor warne und mahne, daß uns vielleicht in 20, 30 Jahren mit Blick auf die Notlagen-Indikation unsere Kinder auch fragen werden – wie nach jenem Film –, ob wir denn nicht gewußt haben und ob wir dies denn nicht hätten verhindern müssen und wo denn unsere Humanität geblieben sei." Das ist auch heute noch ihre Position. Allerdings wehrt sie sich, immer nur darauf verkürzt zu werden, zumal ihr häufig unterstellt wird, sie habe die Abtreibung als eine Variante des Holocaust hingestellt – ein Vergleich, den sie für unzulässig hält. "Daß ein ungewolltes Kind eine schlimme Notsituation ist, bestreitet doch niemand", sagt sie. "Aber lassen wir diese Frauen nicht im Stich, wenn wir ihnen statt Lebenshilfe nur den sie belastenden Weg des Schwangerschaftsabbruchs weisen?" Abtreibung hält sie für die frauenfeindlichste Lösung des Konflikts: "Weil dadurch die Frau vor die Alternative gestellt wird, zu töten oder aber das Kind als Last zu empfinden."

Als Präsidentin des Zentralkomitees übt Rita Waschbüsch beträchtlichen politischen Einfluß aus. Das Zentralkomitee veranstaltet den alle zwei Jahre stattfindenden Katholikentag, das Gegenstück zum evangelischen Kirchentag. Aber der Katholikentag macht nur einen Teil der Arbeit aus. Von fast gleicher, wenn nicht größerer politischer Bedeutung ist die Gemeinsame Konferenz, die sich aus dem Zentralkomitee und der Deutschen Bischofskonferenz zusammensetzt. Sie stellt das Bindeglied zwischen katholischer Amtshierarchie, sprich Bischöfen, und den Laien dar.