Noch zwei kurze, schnelle Schritte und eine angedeutete Verbeugung vor der künftigen Bundestagspräsidentin, dann ein aufmunterndes "Guten Morgen" hinein ins mäßig besetzte Plenum. Es folgt eine Begrüßung von gleich zu gleich für die beiden Neu-Vorsitzenden Theo Waigel und Otto Graf Lambsdorff nebst dem gemessenen Wunsch, daß die beiden der Verantwortung gerecht werden mögen. Aber noch immer nicht nähert sich Hans-Jochen Vogel dem eigentlichen Zweck der Haushaltsdebatte, der Generalabrechnung mit der Regierung.

Erst tröpfeln genüßliche Bemerkungen über das viele Geld für das Bundespresseamt (Steigerungsrate in den letzten sechs Jahren: 50 Prozent) – wo doch der Mangel an schönender Darstellungskraft des Ost-Amtes zu den beliebtesten Ausreden für die Diskrepanz von Stimmung und Lage im Lande herhalten muß. Helmut Kohl läßt derweil seinen zitronengelben Textmarker übers Papier fahren. Vermutlich hat ihn die milde Souveränität des Oppositionsführers zusätzlich geärgert.

Vogel mußte sich nicht sonderlich um Sachlichkeit bemühen, er war ganz einfach sachlich. Tenor: Die wirtschaftliche Gesamtlage ist günstig. Wichtige Konjunkturimpulse kommen von außen (Ölpreis). Von diesen "wirtschaftlichen Zwangsläufigkeiten" seien die "politischen Entscheidungen" zu trennen, die zu den Schattenseiten der Bilanz zählen: 700 000 Langzeitarbeitslose, 3,1 Millionen Sozialhilfeempfänger. Rundum werbende Vernunft statt Besserwisserei, nahezu völliger Verzicht auf ortsübliche Polemik.

Helmut Kohl schaute nicht auf. Rita Süssmuth saß ein bißchen isoliert, Heiner Geißler grübelnd zwei Plätze daneben. Wischnewski und Genscher parlierten unten im Plenum miteinander. Draußen fiel der erste Schnee. Vogels Schlußsatz eilte den Dingen weit voraus: Kommen werde der Tag, da "in diesem Hause die Rollen neu verteilt werden".

Für den später folgenden gezielten Wutausbruch des Bundeskanzlers gibt es viele Erklärungen. Die böswillige Polemik, die im Wort von der "Volksverhetzung" (angeblich begangen von der SPD in Sachen Gesundheitsreform) gipfelte, wäre eigentlich Alfred Dreggers Aufgabe gewesen. Der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU blieb sie schuldig. Seine kraftlose Rede war ein nachträglicher Beleg dafür, daß er seine beste Zeit längst hinter sich hat. Er will in seinem Amte repräsentieren, doch es war nicht die Stunde dafür. Das Politbarometer des ZDF hatte am Abend zuvor die SPD vor der CDU gemeldet – Ergebnis einer Serie von Kleinkatastrophen, die sich allesamt jenseits von Bonn ereignet hatten und auf Helmut Kohl zurückwirken.

Kein Wunder, und auch nichts Neues, daß sich die SPD gestärkt fühlt. Kohl verblüffte allerdings, weil er Vogels Milde als Diffamierung ausgeben wollte. Als wäre es ganz und gar ungehörig, prangerte er schrill an, was dahinter steckt und weshalb sich die SPD wohl fühlt: Sie mache sich Hoffnungen auf die Mehrheit im Bundesrat! Dazu diene die "Hetzkampagne gegen Niedersachsen und Ernst Albrecht", dazu sei ihr jedes Mittel recht!

In Bonn sitzt die Regierung fest im Sattel. In den Ländern, jedenfalls in Niedersachsen oder auch Rheinland-Pfalz, könnte sie herausrutschen. Kiel als Menetekel, dazu Hannover und Frankfurt, wo ja bald gewählt wird. Kohl, und mit ihm Heiner Geißler, flüchten sich erst einmal in die Rolle der verfolgten Unschuld, die selber verfolgen möchte.