"Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß" von Etienne Chatiliez

Vier Millionen Franzosen können nicht irren. "Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß" muß ein ganz besonderer Film sein oder ein besonders belangloser, sonst wäre er nicht zum "Sommer-Hit" der französischen Kinosaison geworden. Aber entweder hat die deutsche Synchronisation versagt, oder die vier Millionen haben sich geirrt – der Film, den man hierzulande zu sehen bekommt, ist ein Nichts. Eine Nichtigkeit, am Cliche-Computer ausgetüftelt und dann gefüttert: mit den besten Absichten.

Schwester Josette, die Geliebte des Doktors Mavial, hat aus Eifersucht und Bosheit zwei neugeborene Babys vertauscht. Das war vor zwölf Jahren. Mittlerweile heißt das eine Baby Bernadette und lebt als falsches Töchterlein im Haus des Direktors Le Quesnoy, während sich der Direktorensohn Momo bei der Proletenfamilie Groseille durchschlagen muß. Als die Verwechslung ruchbar wird, kommen die Groseilles zu Geld, die Le Quesnoys zu einem zusätzlichen Kind und Momo zu einer bürgerlichen Erziehung. Eine Zeitlang läßt er sich hätscheln und verwöhnen, dann beginnt er, das Silberbesteck zu klauen und an seine einstigen Brüder zu verteilen. Jetzt könnte der Film spannend werden. Doch Florence Quentins Drehbuch setzt auf einmal aus, die Geschichte wird man und wirr, als wartete alles auf den nächsten Werbespot. Etienne Chatiliez war bisher Werbefilmregisseur, das ist sein Vorteil und sein Verhängnis: er kann eine Szene auf den Punkt bringen, aber keine Geschichte erzählen. Was man sieht, sind Ideen für einen Film, der noch nicht fertig ist. Was man nicht sieht, sind Menschen, über die man lachen, weinen oder staunen kann. Zum Beispiel Schwester Josette und Doktor Mavial, das böse, hinterhältige Paar: was passiert mit ihnen? Zuletzt liegen sie am Meer und schauen in die Sonne. Dann ist der Film aus, ganz plötzlich. Vielleicht ist das das Geheimnis von Chatiliez’ Erstling: daß er aufhört, bevor er richtig angefangen hat. Andreas Kilb

Sehenswerte Filme

"Die Kommissarin" von Alexander Askoldow. "Bird" von Clint Eastwood. "Verschwörung der Frauen" von Peter Greenaway. "Die Flucht ins Ungewisse" von Sidney Lumet. "Die letzte Versuchung Christi" von Martin Scorsese. "Patty" von Paul Schrader.