Von Luigi Vittorio Ferraris

ROM. – Der politische Sturm hat hohe Wellen in Bonn geschlagen: Eine Gedenkrede hat zum Rücktritt des Bundestagspräsidenten geführt. Die Presse im Ausland hatte den Text noch nicht vollständig gelesen, als sie bereits entdeckte, daß der Antisemitismus in Deutschland noch immer präsent sei.

Aber es kann nicht die Pflicht der Politiker und der denkenden Menschen in Deutschland sein, die Lasten der Schuld für alle Ewigkeit zu tragen, die wir im stillen doch alle zu teilen haben. Glauben wir wirklich, daß wir allein dadurch unserer jungen Generation den Weg weisen können? Die Jungen bemühen sich, nicht anders als wir Alteren, zu verstehen, weshalb eine solche Tragödie, die Tragödie des Rassenhasses und der Völkermorde, mitten in Europa und im Namen eines hochzivilisierten Volkes geschehen konnte. Wir müssen uns von der Demagogie der Worte lösen, um zu erkennen, weshalb eigentlich positive Tugenden wie Pflichtbewußtsein, Ordnungsliebe, Respekt für die Obrigkeit zum Nährboden für Verbrechen werden konnten.

Verstehen bedeutet, eine Gesellschaft aufzubauen, die dieselben Fehler nicht noch einmal begehen wird. Verstehen ist wichtiger als Worte der Trauer, denn über die Trauer hinaus müssen wir die Zukunft aufbauen. Und für die Zukunft müssen wir bereits in der Gegenwart jeden Keim des Rassenhasses oder der Intoleranz ersticken.

Die grausame jüngste Vergangenheit Deutschlands ist ein Teil der Gegenwart: Sie kann nicht vergehen, weil ihre politischen Folgen für uns alle fortbestehen – die Spaltung einer Nation und, durch diese Nation, Europas. Doch daß nun eine Rede, deren demokratischer Inhalt – schon allein angesichts der Person des Redners – keinen Zweifel zuläßt, zur Ablösung des Bundestagspräsidenten Anlaß gibt, erschwert die Zukunft Deutschlands: Es entsteht der Eindruck, als sei die erfolgreiche neue deutsche Demokratie nicht auf soliden Grund gebaut – wegen einer Rede, die im Gesprochenen nicht hinreichend verdeutlichen konnte, was sie, als schriftlicher Aufsatz, aussagen wollte.

Die Vergangenheit darf nicht vergessen, verharmlost oder gerechtfertigt werden: Ein Verbot der Nachforschung und deutlicher Worte wäre ein Beweis der Intoleranz und der Verneinung demokratischen Denkens. Die Vergangenheit soll als Mahnung zum Neuen beflügeln, nicht aber zur Belastung des heutigen Schaffens werden.

Der Zorn über eine nur oberflächlich interpretierte Rede scheint fast wie ein subtiler Vorwand, auch wie ein Ablenken von anderem Unvermögen. Man verschließt sich dem mutigen Versuch von Philipp Jenninger – in bester Absicht, wenn auch in nicht glücklicher Form vorgetragen –, die Vergangenheit zu begreifen und die Mitschuld der Passivität zu verdammen, und will statt dessen allseits beweisen, wie fleißig man ist in dem Bemühen, formell alles Richtige zu tun. Ist das Heuchelei, vielleicht ungewollt, um das Gewissen zu beruhigen? Würde eine solche Heuchelei nicht auch die Absonderung der Juden von heute verewigen unter dem ehrenvollen Vorwand des Mitleids für Vergangenes? Ludwig Boerne schrieb vor 150 Jahren: "Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude bin; die anderen verzeihen es mir; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran." Die Absonderung, die Wiederholung der Liturgie des Trauerns könnte mit der Zeit und mit dem Abklingen der Reue das Gegenteil bewirken, nämlich Apathie, sogar Ressentiment.