Von Kurt Döring

Im Januar des dritten Nachkriegsjahres hatten die vier Außenminister der Alliierten einander und der Welt das Versprechen gegeben, bis zum Dezember des gleichen Jahres sollten alle deutschen Kriegsgefangenen heimgeschickt sein. Molotow lüftete zum erstenmal den Schleier, den die Sowjetunion über die Millionen vermißter Deutscher in Rußland gehängt hatte, und nannte die noch heute anzweifelbare Zahl von nur 800 000. Von diesem staatsmännischen Wort getröstet, wurden die Forderungen nach Gerechtigkeit eine Zeitlang gedämpft, und Hunderttausende wartender Mütter und Frauen fügten sich darein: Sie wollten auch noch dieses Jahr auf die Heimkehr ihrer Söhne warten...

Viereinhalb Millionen deutscher Kriegsgefangener sind seit Mai 1945 aus der Gefangenschaft entlassen und heimgführt worden, gab der Generaladjutant Brigardier A.J.H. Dove bei der Eröffnung des Entlassungslagers Münster in Westfalen bekannt. Eine Dreiviertelmillion von ihnen befand sich in britischem Gewahrsam in England, Kanada, Frankreich und Belgien.

England hat Wort gehalten: Es hat bis auf die drei Generale von Rundstedt, von Manstein und Strauß seine Kriegsgefangenen bis Mitte Juni entlassen. Frankreich wird, wie in Münster der Delegierte der französischen Regierung bekanntgab, bis zum 20. Dezember 1948 die jetzt noch in französischen Lagern lebenden Deutschen heimgeführt haben. Ein Rest von 600 werde bleiben; dieser Rest habe Strafen für Kriegsverbrechen und andere Vergehen abzubüßen. Man hat im übrigen die Zahl von 3000 Inhaftierten in Frankreich genannt. Darunter waren jene Kriegsgefangenen, die als Zeugen in Kriegsverbrecherprozessen vor französischen Gerichten auftreten mußten und die ebenfalls bis Weihnachten in Deutschland sein werden.

Aus Jugoslawien treffen jetzt an jedem zweiten Tag Heimkehrertransporte in Münster ein und werden im Laufe eines einzigen Tages in ihre Heimatbezirke weitergeleitet. Wie der britische Lagerkommandant mitteilt, ist damit zu rechnen, daß auch Jugoslawien seinen Repatriierungsplan einhalten wird. Danach soll der letzte Transport am 10. Januar 1949 in Münster eintreffen.

Aus Frankreich, Belgien und England werden in den kommenden Monaten auch jene in ein Zivilarbeitsverhältnis übergeführten Kriegsgefangenen heimkehren, die ihr Arbeitsverhältnis nicht mehr fortzusetzen wünschen. Aus England werden in den nächsten Wochen 1200 zurückerwartet.

Werden alle deutschen Kriegsgefangenen, wie versprochen, noch in diesem Jahr heimkehren? Der englische Kommandant von Münster, Major Kelcey, konnte auf diese Frage keine Antwort geben, denn die Transporte aus dem Osten, vor allem aus Rußland, sind keineswegs in solcher Folge eingetroffen, daß selbst die genannten 800 000 rechtzeitig in der Heimat sein werden.