Von Helga Hirsch

Wunschkonzert für Gäste. "Das nächste Stück auf ganz spezielle Bitte von Marek aus Düsseldorf für seine Basia!" verkündet der Discjockey in einem Danziger Restaurant, das den Besuchern neben dem kulinarischen auch noch ein Tanzvergnügen anbietet. Anderthalb Jahre war Marek weg. Nun soll das Wiedersehen mit der Braut gebührend gefeiert werden. Und weil nach so langer Abwesenheit viel zu erzählen ist, hat auch Piotr seine Freunde zum Essen eingeladen. Wo er herkommt, verrät schon sein Ford Scorpio mit dem Essener Kennzeichen, der neben Mareks Mercedes-Diesel vor dem Lokal parkt. Beide sind Neuwagen, versteht sich, denn "Türkenautos" kommen für Polen nicht in Frage.

Marek und Piotr sind zu Besuch. Zurückkehren wollen sie nicht in die alte Heimat. Beide haben inzwischen die Nationalität gewechselt. Aus Marek ist Markus geworden, Piotr nennt sich jetzt Peter; Polen sind sie nicht mehr; als Aussiedler bekamen sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Ein wenig sind sie aber doch Polen geblieben: Neben dem deutschen Personalausweis besorgten sie sich den polnischen Konsularpaß und können nun jederzeit zum Billigtarif in die Orte ihrer Kindheit und Jugend zurückkehren.

"Das eben werfe ich manchen Aussiedlern vor", meint Blazej, der seinerseits schon vor mehreren Jahren als Pole politisches Asyl in der Bundesrepublik erhielt, "daß sie die Vorteile beider Seiten ausnutzen wollen und dann je nachdem die eine oder andere Abstammung hervorkehren." Als Blazej vor acht Jahren ausreiste, unterschied er sich wenig von Tadeusz. Beide lehnten das System ab. Beide waren arm und wollten besser leben. Doch mit dem Grenzübertritt gingen ihre Wege auseinander. Blazej brachte Monate in einem Lager zu, Tadeusz nur wenige Tage. Blazej wartete drei Jahre darauf, als politischer Flüchtling anerkannt zu werden. Er hatte keine Arbeitserlaubnis, lebte notdürftig von der Sozialhilfe und wagte nicht, Frau und Kind nachzuholen, weil sein Leben so unsicher war. Tadeusz hingegen, der inzwischen zu Thaddeus geworden war, verfügte über eine eigene Wohnung, hatte sich auf Kredit einen Wagen angeschafft und einen Sprachkurs absolviert. "Dabei ist er genauso Pole wie ich", versichert Blazej. "Er denkt so polnisch wie ich und spricht so schlecht Deutsch wie ich. Der einzige Unterschied ist, daß er andere Papiere hat."

Die deutschen Gesetze lassen den Polen, die in der Bundesrepublik bleiben wollen, inzwischen nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie beantragen politisches Asyl, oder sie bringen Dokumente bei, die ihre deutsche Herkunft belegen. Als Flüchtling anerkannt zu werden, ist zwar ehrenhaft, derzeit aber so gut wie ausgeschlossen. Sich als Vertriebener darzustellen, gilt unter Landsleuten als anrüchig, doch der Versuch ist erfolgversprechend und zudem ertragreicher.

Wer irgend kann, stöbert in der Familientradition eine deutsche Linie auf. Manchen Polen ist die deutsche Abstammung sogar 10 000 Westmark wert – so viel kosten mittlerweile gefälschte Papiere in Kattowitz. Hauptsache, sie kommen raus aus Polen, aus dem Land der Dauerkrise, das ihnen, davon sind sie überzeugt, weder beruflich noch für ihr Privatleben irgendwelche Hoffnungen erfüllen kann. Doch welchen Preis zahlen die überwiegend jungen Menschen für den Wechsel ihrer Nationalität? Wie fühlen sie sich in der neuen Heimat, die ihnen in der Regel weder sprachlich noch kulturell vertraut ist? "Manche Aussiedler sind wie Chamäleons", weiß Blazej aus Erfahrung zu berichten. "Unter Polen kehren sie ihre slawische Seele heraus und schimpfen auf die Deutschen. Doch sobald ein Deutscher in der Runde ist, biedern sie sich an und verunglimpfen ihre alten Landsleute manchmal noch mehr als das System, vor dem sie weggelaufen sind."

Der Wechsel von der polnischen zur deutschen Staatsbürgerschaft ist nicht so einfach. Die Beziehungen zu den Nachbarn im Osten sind belastet. Bis zu ihrer Ausreise lebten die Aussiedler mit einem Geschichtsbild, das ihnen die Deutschen als "Hitleristen" präsentierte, als Erbfeinde, als Ockupationsmacht, als das Böse schlechthin. Sie lebten in Familien, in denen die nazistische Vergangenheit der Großeltern sorgsam verschwiegen oder zumindest verdrängt wurde. Jetzt sollen diese dunklen Flecken sogar zur Beweisgrundlage für den Anspruch auf eine neue Existenz werden. Der SS-Ausweis des Großvaters, die Unterschrift der Großmutter unter die Volksliste oder das Bild des Vaters in Wehrmachtsuniform werden mit einem Mal zum Blankoscheck für den Eintritt in die westdeutsche Gesellschaft.