Im Auslegen seid frisch und munter!/ Legt Ihrs nicht aus, so legt was unter." Goethes gar nicht so zahmes "Xenien-Wort" wird heute wieder erhört. Denn "die Wut des Verstehens", von der Schleiermacher sprach, bevor er selbst zur Gründungsfigur der modernen Hermeneutik und also der Kunstlehre des Verstehens wurde, diese Wut des Verstehens grassiert. Die Geschäftigkeit des Aus- oder Unterlegens hat beste Konjunktur. Eine bessere jedenfalls als die Literatur selbst.

Wenn die Literaturproduktion kriselt, schlägt die Stunde der Deuter. Und sie schlägt auch in dem systematisch zerstreuten und zerstreuenden Medium, das dem poetischen Buch bedrohlich zu Leibe rückt: im Radio. Im Bayerischen Rundfunk hat Rudolf Riedler eine Sendereihe unter dem Titel "Zehn Minuten Lyrik" betreut. Sie handelt nicht nur von Dichtern – sie wird auch von Dichtern bestritten. Der Reiz kultureller Radiosendungen besteht nicht zuletzt in ihrer Zufälligkeit, in ihrem Überraschungswert, in ihrer möglichen Fremdheit. Wer auf der Autobahn im Stau steht und einmal nicht im Verkehrsfunk erfahren will, was er eh schon weiß: daß er im Stau steht, dem mögen, so der automatische Sendersuchlauf poetische Neigungen hat, zehn Minuten Lyrik mitsamt Interpretation ein reizvolles Gefühl der Befremdung bescheren.

Wird daraus aber gemäß der schrecklichen Unsitte, jedes Medium in ein anders zu konvertieren, ein Büchlein, so muß sich dieses den Vergleich mit anderen Büchern gefallen lassen. Und der fällt ungünstig aus. Denn Künstler sind in aller Regel schlechte Interpreten. Die Mehrzahl derer, die sich da deutend in eigener Sache zu Wort melden, hat zwar gelernt, die unsägliche Frage, was der Dichter sich gedacht habe und sagen wolle, preiszugeben. An die Stelle dieser Frage aber ist die Auskunftsfreudigkeit darüber getreten, was er beim Schreiben gefühlt, empfunden oder erinnert habe.

Da sind die Interpretationen, die in der FAZ erscheinen und von Marcel Reich-Ranicki im Buch gesammelt werden, schlicht professioneller. Die Kürze dieser Deutungen ist atemberaubend. Welch ein Reiz wüchse einem Buch zu, das seinen Beiträgern Gelegenheit gäbe, die Stichwörter aus der Tagespresse für das Buch so gelassen wie intensiv auszuarbeiten!

Natürlich ist es ungerecht, solche impressionistischen und knappen Flüchtigkeiten, die aus Ätherwellen und Tageszeitungen eingesammelt wurden, mit den exzessiv gründlichen, kaum an Umfangsbeschränkungen gebundenen Studien eines Germanistikprofessors zu vergleichen, wie sie in Gerhard Kaisers Buch "Augenblicke deutscher Lyrik" vorliegen. Lohnend aber ist ein solcher Vergleich allemal!

Nur ein Beispiel: Kein geringerer als Ernst Jandl interpretiert im zuvor genannten Band Goethes Gedicht "Willkommen und Abschied". Und er, der Avantgarde-Literat und poeta doctus, tut dies erstaunlich konventionell: die Erst- mit der Zweitfassung vergleichend und Goethe männlicher Kälte und erotischer Distanz zeihend. Die Interpretation, die Gerhard Kaiser vorträgt, ist eben nicht bloß gründlicher, sondern auch spannender und erhellender. So beargwöhnt sie gleich schon den Titel. War die Formel "Willkommen und Abschied" (wie Eckhardt Meyer-Krentler in einer großartig nüchternen Analyse dargelegt hat) doch ein juristischer terminus technicus, der nicht nur einem Doktor der Rechte wie Goethe geläufig gewesen sein muß. "Willkommen und Abschied" – das war die barbarische Körperstrafe bei Antritt und Ende einer Zuchthaushaft. Solch eine Formel über ein Liebesgedicht zu stellen – das ist eine Ungeheuerlichkeit, die interpretatorische Aufklärungsarbeit verdient.

Gerhard Kaiser leistet, indem er die berühmten Zeilen als psychohistorisches Drama der Adoleszenz versteht, diese Arbeit auf vielen Ebenen. Er verbindet die klassischen philologischen Tugenden mit Gelehrsamkeit und mit den methodischen Fortschritten, die die Literaturwissenschaften in den letzten zwanzig Jahren gemacht haben. Seine Deutungen sind durch alle Fegefeuer psychoanalytischen, soziohistorischer, strukturalistischer und durchaus auch diskurstheoretischer Provenienz gegangen. Und sie sind entsprechend geläutert: ihnen gelingt es, interpretatorische Sätze und die Sätze der Dichtung selbst aus dem Bereich wohlfeiler Beliebigkeit zu retten. Auch, ja gerade poetische und deutende Sätze sollen und können begründete Aussagen sein.