Der Zar ist tot, es lebe der Zarewitsch. Von dem Elan, mit dem die CSU in die Ära "nach Strauß" eintrat, legen die 98,3 Prozent Zustimmung für den neuen Parteichef Theo Waigel ein beredtes Zeugnis ab. Die 1029 Delegierten, die ihn am Samstag voriger Woche in der Münchner Bayernhalle auf den Schild hoben, waren von der Demonstration ihrer Geschlossenheit so beeindruckt, daß nur schwer festzustellen war, wen sie mehr feierten: Theo Waigel oder sich selber.

Für die CSU dokumentierte das beeindruckende Wahlergebnis ja auch den "Sieg des Glaubens" an ihre eigene Kraft. Die Maximalanforderungen, die Franz Josef Strauß 40 Jahre lang an sie stellte, hatten die Partei in eine Art ewigen Ausnahmezustand versetzt, der Zweifel an ihrer Eigenständigkeit aufkommen ließ: Gab es für sie noch ein Leben nach Strauß, oder lebte sie nur von geborgtem Licht? Mit dem geglückten Wechsel an ihrer Spitze verschaffte sich die CSU Bewährungsfrist.

Im Raster zeitgenössischer Politik ist Theo Waigel leichter zu fassen als sein Vorgänger. Mit ihm wird die CSU keine großspurigen bayerischen Königsdramen mehr aufführen müssen, in denen die Partei selber nur Staffage war. Von Natur aus wird es dem verschmitzten Schwaben leichter fallen, jenes Stück "mehr Demokratie" zu wagen, das in der CSU überfällig ist, wenn sie ihre Wähler halten will. Schwierig wird es für ihn erst, wenn er rechte Standpunkte besetzen soll. In den Augen der Partei, die ihre Leimruten bereits ins extreme Lager auswirft, steht er da unter Legitimationszwang. Die taktischen Kunststücke, die jetzt von ihm erwartet werden, hat er bisher nur unter Ausschluß der Öffentlichkeit zeigen müssen.

Niemand bezweifelt, daß Waigel als Vollstrecker des historischen politischen Mitgestaltungsanspruchs Bayerns im Bund der richtige Mann ist. Das sicherte ihm den großen Vorsprung vor seinen Rivalen. Wie hart das Holz ist, aus dem der Politiker Waigel geschnitzt ist, wird sich aber erst zeigen, wenn seine politische Glaubwürdigkeit auf die Probe gestellt wird. N. G.