Von Rudolf Walter Leonhardt

Eigentlich war ich nach Polen gefahren, um den Mittelpunkt Europas zu suchen. So gewiß Polen zu meinem Europabild gehört, so gewiß liegt es dort am östlichen Rand. Aber ich hatte im polnischen Rundfunk einen Parlamentsabgeordneten sagen hören, bei Piatek stehe ein Obelisk, mit dem die Russen während ihrer Herrschaft über Polen (1815-1917) den Mittelpunkt Europas hätten markieren wollen.

Da das in ein russisches Europa-Konzept ("zwischen Ural und Atlantik") gut gepaßt hätte, habe ich es geglaubt und bin auf der Suche nach dem Obelisken in Polen herumgefahren. Da ich Piatek mit öffentlichen Verkehrsmitteln nie erreichen, den Obelisken niemals finden würde, fuhr ich mit dem Auto.

Am Anfang erfreute ich mich der Hilfe eines ausgezeichneten Dolmetschers, der meinen Eifer bald übertraf. Schließlich ist er mehr als ich verpflichtet, den Abgeordneten seines Sejm zu glauben. Er erinnerte sich auch, durch den Kunsthistoriker Wladislaus Tatarkiewicz von einem Prospekt der Gesellschaft für Landeskunde gehört zu haben, in dem mit Hilfe von vielen konzentrischen Kreisen gezeigt wurde, daß Warschau der Mittelpunkt der zivilisierten Welt sei. Dem gleichen Warschau hatte ja schon Ferdinand de Lesseps vorausgesagt, es werde wegen seiner zentralen Lage die größte europäische Metropole der Zukunft sein.

Mein Freund der Dolmetscher gab nicht Ruhe, ehe wir nicht einen jungen Priester, die Polizei, einen alten Priester, einen Geschichtslehrer gefragt und sämtliche Einfahrten in die kleine Stadt abgefahren hatten. Am Ende half uns der ganze Ort bei der Suche nach dem Obelisken. Vergebens.

Sollte es sich um eine Verwechslung gehandelt haben? Auf dem großen Platz von Piatek steht eine kleine, kugelförmige Skulptur aus Stahlblech: Hier ist der geographische Mittelpunkt Polens. Das wird ja zur Zeit wohl stimmen. Möge es länger, als in der Geschichte Polens bisher üblich, so bleiben.

Von der Mühsal der Fahrt über Berlin, Frankfurt an der Oder und Posen berichte ich nur ein wenig; sei es, um andere abzuhalten von dem nervenaufreibenden Abenteuer, allein mit dem Auto durch Polen zu fahren; vor allem jedoch, um auf ein paar polnische Zustände hinzuweisen, die Politik- und Geschäftsreisende so wenig erleben können wie Reisegesellschaften.