Von Janusz Tycner

Mal kürzer, mal länger, aber warten muß man immer vor der weißen Tür in der engen Eingangshalle des Regionalmuseums von Oppeln. Es geht langsam voran. Die wenigen Besucher, die die Volkskunstausstellung in der ersten Etage besichtigen möchten, haben oft Mühe, sich durch die vielen Menschen zu drängen, die seit dem frühen Morgen mit ihren sorgsam in Decken gewickelten Bildern und unter den Arm geklemmten Skulpturen anstehen.

Hinter der weißen Tür amtiert der Woiwod-Kunstkonservator. Am Nachmittag, wenn die Empfangsstunden vorbei sind, ähnelt sein Büro gut bestückten Verkaufsständen von Flohmarkthändlern. Der Hirsch aus Bronze röhrt dem Gipsengel ins Ohr, und hoch auf dem Schrank betrachtet der gekreuzigte Holz-Jesus kummervoll an die Wand gelehnte oberschlesische Landschaften in Öl, mit deren Fertigung ganze Generationen von Dorfmalern ihren Lebensunterhalt bestritten haben.

Vom Urteil des Konservators hängt ab, ob diese Bilder in den Wohnzimmern von Hannover, Osnabrück oder Herne einen neuen Platz finden werden, um ihre Besitzer an die alte Heimat zu erinnern. Aber das meiste, was auf Begutachtung wartet, wird Polen nicht verlassen dürfen. Die Bestimmungen sind streng. Zu groß waren die Verluste, die Polens Kulturerbe während des Krieges hat erleiden müssen, sagt der Konservator, und zu tief ist seine Überzeugung, daß ein Großteil der guten Stücke, im Westen angelangt, sehr schnell gegen Bares eingetauscht werden würde. Dennoch wird einiges auf illegalen Wegen jenseits der Elbe ankommen, der Rest das Angebot in Oppelns staatlichem Antiquitätengeschäft bereichern.

Der Herbst 1988 war reich an Obst im westlichen Teil Oberschlesiens. Auf den Dorfstraßen von Chrzastawice, das früher Kranst hieß, von Grabin (Grüben), von Karczów (Schönwitz), von Dobrzeń (Döbern), in den kleinen Orten entlang des Jemielnica Flusses, des früheren Himmelwitzer Wassers, liegen überall saftige Äpfel und Birnen herum, manchmal so dicht nebeneinander, daß man nicht umhinkommt, sie zu zertreten. Niemand hebt sie auf.

Es ist eine wohlhabende Gegend. Links und rechts der Wege stehen ansehnliche Häuser: neu, weiß verputzt, mit braun angestrichenen Türen und Fensterrahmen, davor prächtige Blumenbeete und gepflegte Rasen. Ruhig ist es hier. Kein Kindergeschrei und kein Hundebellen trübt die tiefe Stille. Es wird zunehmend leer in Slask Opolski, im Oppelner Schlesien, wie dieser Teil des Landes in Polen genannt wird.

Der Dorfschulze schlürft heißen Tee, blättert nachdenklich im abgewetzten Heft mit der Aufschrift "Meldebuch" und zählt nach. An die 200 Leute haben seinen Ort in den letzten fünf Jahren verlassen, die Hälfte der Einwohner. Die meisten buchten in der Oppelner Filiale des Reisebüros Turysta eine dreitägige Reise in die Bundesrepublik und kamen nicht wieder. Zweimal in der Woche rollt ein voller Bus von Oppeln nach Köln, schon ab Hannover ist er fast leer. Dreißigtausend Zloty und dazu 30 Mark zahlt man für solch einen Ausflug, bei dem gewöhnlich alle Besichtigungen ausfallen.