Ceauşescu will die Dörfer nicht abreißen, sondern modernisieren

Von Dagobert Lindlau

Für Reporter eines optisch-akustischen Mediums eine alte Erfahrung: Man sieht und hört, was man ganz anders gelesen hat. Es gibt in den Printmedien Trends, die übermächtig werden. Nicht nur, weil man sich gegenseitig liest oder gar voneinander abschreibt, sondern weil man unter dem herrschenden Klima Grautöne kontrastreicher, Formulierungen griffiger macht und Inhalte verdeutlicht, die so deutlich in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Dann der Teufelskreis: Eine Nachrichtenagentur teilt mit, daß Gottlob, ein Dorf im Banat, bereits geschleift sei. Die Meldung wird von Radiostationen verbreitet und in eben diesem Dorf gehört. Natürlich ist es nicht geschleift. Aber die Bewohner glauben, daß es geschleift wird. Das erzählen sie jetzt auch Besuchern, die damit zu Hause eine Falschmeldung bestätigen. Hinzu kommen die Analysen von Leuten, die gar nicht erst hinfahren.

Es gibt ein rumänisches Dorfprojekt, ebensowenig realisierbar wie – sagen wir – SDI, aber für Rumänien eine ähnlich große Anstrengung wie SDI für die Vereinigten Staaten. Es gibt im Zusammenhang damit auch Fehlplanungen und Übergriffe, und es gibt Protest dagegen. Nicht vergleichbar mit den Protesten gegen die Startbahn West oder den Bau der bayerischen Staatskanzlei. Wie auch, in einem Polizeistaat?

Nach Angaben der Verantwortlichen geht es um alle 13 123 Dörfer in Rumänien. Ein großer Teil davon sind Ansiedlungen von weniger als einem Dutzend Häusern. Nach eindringlicher Befragung geben unsere Gesprächspartner zu, daß man für knapp 3000 Dörfer überhaupt nichts tun kann. Und die restlichen zehntausend? Wer soll den angeblichen Abriß bezahlen? Ganz zu schweigen vom Aufbau "agro-industrieller Zentren". In einem Land, das Ceauşescu zum Armenhaus unter den sozialistischen Ländern heruntergewirtschaftet hat? Abriß sei zu keinem Zeitpunkt geplant gewesen, sagt man uns. Pläne für eine Dorfentwicklung habe es gegeben und gebe es noch. Es handle sich um eine Entwicklung, die weit, sehr weit, über das Jahr 2000 hinausreiche.

Landflucht soll gebremst werden

Bei vollständiger Durchsicht der regionalen Strukturpläne, der Kostenvoranschläge und der Grund- und Aufrisse für 400 Gebäudetypen stellt sich heraus, daß die geplanten Häuser überhaupt nichts mit dem zu tun haben, was wir uns unter "agro-industriellen Zentren" vorgestellt haben. Die Pläne nehmen überraschende Rücksicht auf die Bautraditionen von Regionen und von Minderheiten. Die Pläne sind nicht neu, sondern offensichtlich im Lauf von Jahren entwickelt worden. Mit einer "bereits begonnenen Schleifung von 8000 Dörfern" hat das nichts zu tun.