Praktisch mit einem Federstrich sorgte der schweizerische Nahrungsmittelgigant Nestlé Ende voriger Woche für einen gewaltigen Wirbel in den eidgenössischen Börsensälen. Am Donnerstag nach Börsenschluß veröffentlichte nämlich das Großunternehmen einen Beschluß des Verwaltungsrates, in dem erstmals auch Ausländern erlaubt wurde, Namenaktien des Unternehmens zu kaufen.

Die kleine Mitteilung hatte am Freitag gewaltige Folgen: An einem einzigen Tag wurden die schweizerischen Besitzer von Nestle-Namenaktien, ohne auch nur einen Finger zu rühren, um vier Milliarden Franken (fast fünf Milliarden Mark) reicher.

Nur – wo Gewinner sind, gibt es auch Verlierer – am gleichen Tag fiel der Kurs der Inhaberaktien, die zum größten Teil im Besitz von Ausländern sind, um rund 23 Prozent. Einen Tag vor der spektakulären Entscheidung des Nestle-Managements kostete eine Inhaberaktie noch 8400 Franken, Anfang dieser Woche waren die Papiere schon für wenig mehr als 6000 Franken zu haben.

Nachträglich erscheint die Nestle-Ankündigung wie ein Vermögensbildungsprogramm für schweizerische Bürger: Die inländischen Inhaber von Namenaktien gewannen Milliarden innerhalb weniger Stunden auf Kosten der ausländischen Aktionäre.

Der Ärger ausländischer Nestle-Aktionäre ist verständlich, dreizehn Monate nach dem Börsenkrach mußten sie damit erneut eine geradezu groteske Schwächung des Wertes ihrer schweizerischen Aktienanlagen hinnehmen.

Hintergrund dieser Entwicklung ist die Öffnung der Schweiz gegenüber der Welt – auch auf dem Aktienmarkt. Ausländer dürfen in der Regel nur Inhaberaktien kaufen – und weil die Schweiz als gelobtes Anlageland gilt, sind die Kurse dieser Papiere bis zu hundert Prozent teurer als die bisher den Schweizern vorbehaltenen Namenaktien. Nestlé hat nun für ihre Aktien die "Börsen-Apartheid" abgeschafft, und prompt schrumpfte der Unterschied zwischen Namen- und Inhaberaktien von 102,4 Prozent auf wenige Prozente.

Noch immer aber sind die Unterschiede zwischen Namen- und Inhaber-Papieren bei anderen schweizerischen Gesellschaften groß: Bei den Versicherungswerten Schweizer Rückversicherung, Zürich Versicherung und Winterthur sind es zwischen fünfzig und sechzig Prozent, bei Ciba-Geigy knapp 55, bei Schindler etwas über vierzig Prozent, bei Sandoz etwas unter dieser Marke. Ob diese Spannen auch künftig Bestand haben, ist höchst ungewiß, denn jedermann erwartet nun, daß die Öffnung gegenüber dem Ausland weitergehen wird.