Ein neuer Handelskrieg zwischen Europa und Amerika steht vor der Tür – wegen einer Lappalie von gerade einem Promille des beiderseitigen Handelsvolumens. Vom 1. Januar 1989 an, so hat es die EG beschlossen, darf niemand mehr hormonbehandeltes Fleisch in die Gemeinschaft einführen. Betroffen sind vor allem Rindfleischimporte aus den Vereinigten Staaten im Wert von rund 260 Millionen Mark. Die Amerikaner zeigen sich entschlossen zurückzuschlagen: Wenn die EG nicht noch in letzter Minute nachgibt, sollen Tomaten aus Italien, Fruchtsäfte aus der Bundesrepublik und Fleisch aus Dänemark vom amerikanischen Markt verbannt werden. Die EG droht ihrerseits mit Vergeltung.

Zur Vorgeschichte: 1980 fand man in Babynahrung aus Kalbfleisch hohe Dosen des krebsverdächtigen Hormons Diethylstilboestrol (DES). Als Reaktion auf diesen ersten großen Kalbfleischskandal verbot die EG zunächst den Einsatz künstlicher Hormone in der Kälbermast; nach einem entsprechenden Votum des Europaparlamentes dehnte sie das Verbot ab 1988 auch auf natürliche Wachstumshormone aus. Durch massiven Druck erreichten die Vereinigten Staaten einen Aufschub für ihre Importeure um ein Jahr.

Jetzt ist der damals aufgeschobene Streit in voller Schärfe entbrannt. Und – die Europäer haben darin ziemlich schlechte Karten, so befremdlich dies für deutsche Ohren auch klingen mag. Denn vieles spricht für die amerikanische Argumentation, daß das europäische Hormonverbot ein Handelshemmnis ist, auch wenn dies nicht in der Absicht der Umweltverbände gelegen haben mag, auf deren Initiative hin das Totalverbot zustande kam.

Die Prinzipien des freien Welthandels, auf die sich Europa und die USA verpflichtet haben, hindern keinen Staat daran, seine Bürger vor gesundheits- oder umweltgefährdenden Produkten zu schützen. Das Problem ist nur: Die These von der Gesundheitsgefährdung durch Fleisch hormonbehandelter Kälber und Rinder steht auf ziemlich wackligen Beinen. Unbestritten ist die Gefahr, die von synthetischen (und auch in Amerika verbotenen) Hormonen ausgeht. Bei natürlichen Hormonen sieht es jedoch ganz anders aus; wenn überhaupt, dann sind negative Wirkungen nur unter der extremen Annahme möglich, daß just das Fleisch von der Einstichstelle der Hormonspritze gegessen wird, weil nur dort eine erhöhte Hormonkonzentration feststellbar ist.

Die moderne Massentierhaltung ist barbarisch, die Vorstellung, daß kastrierte Kälber mit Hormonspritzen auf Wachstum getrimmt werden, in hohem Maße unappetitlich. Solange diese Praktiken aber die Verbraucher nicht nachweisbar schädigen, haben einzelne willkürliche Verbote den Charakter von unbegründeten Handelshemmnissen. Derartige Vorschriften widersprechen jenen Liberalisierungsvereinbarungen im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt), von denen die EG selbst (und besonders die Bundesrepublik) am meisten profitiert.

Gefährlich ist aber auch die Brachialgewalt, mit der die USA im Hormonstreit versuchen, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen. Die Praxis, durch massiven Druck in bilateralen Gesprächen "faire" Handelsbedingungen zu erzwingen, ist ihrerseits ein Verstoß gegen die Prinzipien eines multilateralen Handelssystems, besonders vor dem Hintergrund des knallharten Protektionismus, den die USA auf anderen Gebieten betreiben. Mit ihrer Handelspolitik diskriminieren die Amerikaner kleinere Länder mit geringerer Verhandlungsmacht, gefährden die laufenden Liberalisierungsverhandlungen im Gatt und vergiften das Handelsklima, auch wenn sie in der Sache diesmal recht haben.

Nikolaus Piper