Der Name Martin Kurbjuhn kursiert in der Westberliner Literaturszene seit langem als Geheimtip. Der 1937 geborene Autor, der 1965 zusammen mit Nicolas Born aus Essen nach Berlin kam, hat sich hier als Verfasser von Hörspielen und Essays einen Namen gemacht, aber noch kein eigenes Buch veröffentlicht: nicht etwa, weil er nichts zu sagen gehabt hätte, sondern im Gegenteil, weil er als Erzähler nicht skrupellos genug war, um sich dem auf schnelle Verwertbarkeit angelegten Literaturbetrieb auszusetzen. Kurbjuhn feilte so lange an seinen Prosatexten, bis er selbst die Lust an ihrer Veröffentlichung verlor. An versteckter Stelle, in der Edition Mariannenpresse, die in kleiner Auflage Erstdrucke zeitgenössischer Autoren herausbringt, ist nun, bibliophil gestaltet von dem Berliner Maler Dieter Masuhr, Kurbjuhns erstes selbständiges Buch erschienen: die sechzig Seiten-Erzählung „Staatsgäste“. Henschel und Falk, zwei westdeutsche Revolutionstouristen, reisen auf Einladung der dortigen Regierung durch ein mittelamerikanisches Land, das Züge Nicaraguas trägt. Der eine ist ein eher unkritischer Verteidiger und Bewunderer der sandinistischen Revolution, der andere ein Skeptiker und Zyniker, der zusammen mit den inneren Widersprüchen eines von äußeren Feinden bedrohten Landes sein politisches Engagement von einst begräbt. Beider Wahrnehmungen sind vorprogrammiert durch die ideologischen Erwartungen, die sie mit sich herumschleppen, Relikte einer politischen Vergangenheit, die weiter zurückreicht als das Jahr 1968: es ist das unbewältigte Erbe von Faschismus und Stalinismus, das wie Bleisohlen an ihren Schuhen klebt und sie letzten Endes unfähig macht, die Wirklichkeit des fremden Landes unvoreingenommen zu registrieren. Henschel und Falk reden ebenso angestrengt aneinander vorbei wie an ihren nicaraguanischen Gastgebern, mit denen sie nur indirekt kommunizieren können – auf dem Umweg über eine Dolmetscherin, die zugleich als verinnerlichte Zensur- und Kontrollinstanz und als heimliches Objekt ihres erotischen Begehrens erscheint: eine doppelte Entfremdung, die sich nicht mehr aufheben läßt. Die Reise endet als Horrortrip, bei dem, ähnlich wie in den Erzählungen von Joseph Conrad, die Schilderung der tropischen Natur und der nicht minder exotischen Revolution, zur Chiffre wird für die Schizophrenie zweier Europäer, die das Unbehagen an ihrer eigenen Kultur auf eine fremde Welt projizieren und deren einander ausschließende Wahrnehmungsmuster einander spiegelbildlich ergänzen. Schon in dieser kurzen Zusammenfassung wird deutlich, wie politisch und psychologisch komplex – im Gegensatz zur Eindimensionalität des gängigen Revolutionstourismus – Kurbjuhns Erzählung ist, die mit knappen, eindringlichen Bildern den Leser auch sprachlich in ihren Bann zieht. Es steht zu hoffen, daß nach diesem späten, aber vielversprechenden literarischen Debüt der Autor seine Existenz als ewiger Geheimtip beendet und bald mit einer umfangreicheren Prosaarbeit hervortritt.

Hans Christoph Buch

  • Martin Kurbjuhn:

Staatsgäste

III. v. Albrecht Dieter Masuhr; Edition Mariannenpresse, Berlin 1988; 58 S., 42,– DM