Von Volker Hage

Aus und vorbei. Dreißig Jahre hat Philip Roth ordentliche Geschichten geschrieben, Romane und Erzählungen: Geschichten, die Anfang und Ende haben, gespickt mit wunderbaren, leicht hingeworfenen, ausführlichen Dialogen, bevölkert von amerikanischen Juden und anderen Ruhelosen, die sich um ihre Herkunft, Identität, Männlichkeit, Potenz und Kreativität quälende Sorgen machen. Von "Goodbye, Columbus!" und "Anderer Leute Sorgen" über "Portnoys Beschwerden" bis hin zum "Professor der Begierde" und der Trilogie "Der gefesselte Zuckerman": Beispiele einer kraftvollen, alles in allem eher konventionellen epischen Kunst.

Nun, in seinem Roman "Gegenleben", ist der literarische Kosmos des Amerikaners zerbrochen, in Scherben gefallen: widersprüchliche Berichte, gegenläufige Erzählungen. Figuren sterben und leben im nächsten Kapitel wieder, einer hat es am Herzen, im nächsten Moment ist es sein Bruder, der sich einer Operation unterzieht. Kein verläßlicher Erzähler ist da am Werk – und doch: nie konnte man Roth mehr vertrauen, nie sich genußvoller seiner erzählerischen Strategie überlassen und seiner Romanwelt aussetzen als in diesem "Gegenleben". Entstanden ist ein Buch über Männer und Frauen, über Juden und Nichtjuden, über das Leben und das Dichten, über Themen mithin, denen dieser Autor anhängt, seit er schreibt. Nie zuvor aber hat er sie so auf die Spitze getrieben, so genial verwoben, so zum Tanzen gebracht wie in diesem Roman.

1. Wo bleibt die Erektion?

Aus und vorbei. 39 Jahre ist er alt, und es klappt nicht mehr: keine Kraft, keine Potenz, keine Lust. Henry Zuckerman, der Zahnarzt, weiß, woher es kommt: von jenen Tabletten, die sein infarktgefährdetes Herz stabilisieren. Die Alternative wäre eine Operation. Doch die ist gefährlich, lebensgefährlich. Und ganz überflüssig, sagen die Ärzte, sagt Henrys Frau. Ein Familienvater wird doch kein Risiko eingehen, nur um im Ehebett seinen Mann zu stehen! Carol meint es gut, wenn sie ihren Henry fragt, warum ihm das nach achtzehn Jahren Ehe alles plötzlich so wichtig sei. Sie habe sich doch nie darüber beklagt, daß es schon lange nicht mehr leidenschaftlich zugehe – das sei in anderen Ehen nicht anders.

Das Problem ist: Es gibt, was er ihr schlecht sagen kann, im Leben von Henry nicht nur Carol. Da war Maria aus Basel, da waren noch zwei andere Frauen, und nun steht Wendy, die hübsche Sprechstundenhilfe, abends bereit, ihm vor der Heimfahrt zur Familie eine angenehme halbe Stunde zu bereiten. Darauf will Henry nicht verzichten. Auf die Gefahr, seine drei Kinder zu Halbwaisen zu machen: Er möchte die Operation.

Natürlich kann man sich fragen (sehr von oben betrachtet): Sind das Probleme? Nathan Zuckerman, Henrys Bruder, stellt sich diese Frage sozusagen professionell – er ist Schriftsteller: "Wenn die Wirkung dieser Medikamente tatsächlich so ist, daß sie die meisten Männer, die sie nehmen müssen, um am Leben zu bleiben, auf diese Weise außer Gefecht setzen, dann gibt es eine bizarre Epidemie von Impotenz in diesem Land, deren persönliche Folgen von niemandem genau erforscht werden, nicht in der Presse, nicht einmal in der Talkshow von Donahue, und schon gar nicht in der Belletristik ..."