Jan Turovski:

Die Sonntage des Herrn Kopanski

Wochentags weiß er, was zu tun ist: in verstiegener Hingabe an das Dienstreglement fängt er Ladendiebe, auf daß er sich am Sonntag erleichtert sagen kann: „Man hatte die Woche absolviert.“ Sonntags aber streift der Warenhausdetektiv Kopanski durch die Stadt, um fremde Leute zu photographieren und „Bilder vom Leben“ als „Beute“ nach Hause zu bringen. Es ist eine Geschichte vcn Einsamkeit, Realitätsverlust und zunehmend wahnhafter Verzerrung der Wirklichkeit, die der in Bonn lebende Jan Turovski in seinem ersten Roman erzählt (Benziger, Zürich 1988; 297 S., 36,80 DM). In einer seltsam kurzatmigen Kunstsprache folgt Turovski seinem namensähnlichen Helden stets beklemmend dicht, so daß der Leser ganz auf die eingeschränkte Weitsicht des zugleich bedauernswerten und gefährlichen Kopanski verwiesen bleibt. Als der mittlere Angestellte „der Frau“ begegnet, soll alles anders werden in seinem ungelebten Leben: Er kauft eine Luxuswohnung, wird selbst, wovor er sein Geschäft schützen sollte: zum enthemmten Ladendieb und verliert sich mit fanatischem Eifer an Konstruktionen, Erklärungen, Deutungen, die er für die Wirklichkeit nimmt, um sein Leiden an dieser besser genießen zu können. Schemenhaft bleibt „die Frau“ (sie wird nie anders genannt), die solche Macht über einen fest in die Schienen seines Ordnungsdenkens eingepaßten Einzelgänger gewinnt; daß sie ,grünliche Augen“ und in der Leistenbeuge eine winzige Tätowierung hat, ist fast schon alles, was an kennzeichnender Unterscheidung über die „Makellose“ zu erfahren ist, die Kopanski als „Schönheit an sich“ erscheint. Kein Angestellter, der irre wird, eher ein Irrer, der zufällig Angestellter war. Kopanski ist nur in Ansätzen auch sozialpsychologisch faßbar, gleichwohl ist Turovskis literarischer Entwurf eines Weges in Wahn und Mord von beachtlicher Konsequenz: Kollaps eines Zwangscharakters, der aus der gleichsam bürokratischen Verwaltung seiner eigenen Lebensansprüche ausbricht und in der Entdeckung der Liebe die Weil noch einmal erschaffen will – nach seinem Maß. Der penible Buchhalter seiner Gefühle wird verschwenderisch, der detektivische Beobachter fremden Lebens möchte ein eigenes haben. Natürlich geht der späte Erstling des 1939 geborenen Jan Turovski nicht gut aus. Karl-Markus Gauß

Claire Goll: Der Neger Jupiter raubt Europa; Yvan Goll: Der Mitropäer

Sie waren das schreibende Traumpaar, das in den besten Momenten seiner Liebe Lyrik produzierte. Daß beide Partner in Zuwendung zu einer anderen Geliebten, auch Romane schrieben, ist weniger bekannt, zumal Claire Goll, die Yvan um Jahrzehnte überlebte, für Neuauflagen der Prosa nicht sorgte, weil sie der lyrischen Verewigung des Paares Rechnung tragen wollte. Nun wird „Der Neger Jupiter raubt Europa“, der 1926 deutsch, 1928 französisch zuerst erschien, neu aufgelegt. (Argon Verlag, Berlin 1987, 152 S., 28,–DM). Ist er der Mühe wert? Jupiter stammt aus dem Senegal und hat in Paris politische Karriere gemacht. Die Schwedin Alma verliebt sich in ihn und wird doch von ihm in Eifersucht ermordet: zahlreiche Othello-Anspielungen ließen das Ende ahnen. Claire Goll, die zuvor den „echten Neger-Roman“ des Goncourt-Preisträgers René Maran „Batouala“ übersetzt hatte, schien vorbereitet, alle gegen Schwarze umlaufenden Vorurteile als Klischees zu zersetzen. Ihr Roman befestigt diese auf erbärmlich rassistische Weise. Der schwarze Jupiter hat sexuelle Magie über die weiße Frau, doch die Namen senegalesischer Völker kann die Autorin nicht einmal richtig schreiben ...

Ist ihr Roman ein angestrengter Schund, so ist der von Yvan Goll leichte Kolportage: „Der Mitropäer“ (Argon Verlag, Berlin 1987, 165 S. 28,– DM) ist ein gespaltener Mensch, der Ende der zwanziger Jahre Abschied von seinen hochfliegenden, ausgeflogenen Hoffnungen der Revolution nimmt. Die Spaltung formt Goll in zwei entfremdeten Brüdern Edmund und Edgar aus, die in Paris um eine Haltung zur Welt ringen, der eine tiefernst, der andere nonchalant.

Goll gelingen einige sarkastische Momente und auch hübsche Passagen gegen den Luftikus Cocteau. Aber dieses Werkchen fällt doch deutlich gegen seinen scharfen Roman „Sodom und Berlin“ ab. Offensichtlich hat kein Korrektor das gedruckte Buch gelesen, sonst wäre die merkwürdige „Stehbahr“ vielleicht noch aufgemöbelt worden. Karsten Witte